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.: Brendels Fantasie - Rezensionen
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Gebundenes Buch mit Schutzumschlag: 192 Seiten
Verlag: Edition Elke Heidenreich
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-570-58003-5
Bestellung: Amazon
Bisher erschienene Rezensionen:
- Kölner Stadtanzeiger
- Falter
- Die Presse
- Frankfurter Allgemeine
Zeitung (1)
- New Books in German
- HR2
- BR5 Aktuell
- Deutschlandfunk
- Deutschlandradio Kultur
- Mittelbayerische
Zeitung
- Nürnberger Nachrichten
- Neue Vorarlberger Tageszeitung
- News
- Das Orchester
- Brigitte
- Frankfurter
Allgemeine Zeitung (2)
- Literaturzeitschrift.de
- Webnews.de
- Fürther Nachrichten
- Bibliotheksnachrichten
- Literaturtest
- Schott Music
- Stadtbibliothek Hennef
- Hersbrucker Zeitung
- Feldkircher Anzeiger
- me-book
- Schreib-lust.de
- Hilpoltsteiner Zeitung
- BWD9
- Pfalz Bote
- Wiener Kaffeehaus Feuilleton
- Die Federleserin - Brüssel
- Süddeutsche Zeitung
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| Kölner
Stadtanzeiger |
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Traum eines Todkranken Für die
Erfüllung seinen letzten Wunsches lässt ein
Unternehmer alles hinter sich - "Brendels Fantasie"
von Günther Freitag
Der Begriff "Fantasie" ist in Günther
Freitags Roman mehrdeutig: Zum einen ist damit Schuberts
so genannte "Wandererfantasie" gemeint, die
- so will es der Unternehmer Höller - der als Schubert-Interpret
berühmte österreichisch-britische Pianist Alfred
Brendel einer letzten, zeitlos gültigen Interpretation
zuführen wird. Diese Idee aber ist ihrerseits eine
Fantasie, ausgebrütet in Höllers buchstäblich
krankem Kopf. Der Mann - saturiert in den 50ern stehend
- bekommt eines Tages die infauste Diagnose "inoperabler
Hirntumor" gestellt. Die Ärzte geben ihm noch
ein paar Monate, wie viele, ist unklar. Höller freilich
merkt an sich selbst, dass es nicht mehr lange dauern
wird: Rasende und sich steigernde Kopfschmerzen muss er
durch eine stetig erhöhte Schmerzmittel-Dosis niederringen.
Nicht besonders gut motiviert
Unter diesen Ausnahmebedingungen, angesichts dieser
todbringenden Krankheit, entgrenzt sich schon mal das
Wahrnehmungsfeld, rutschen Tagträume und Erinnerungen,
auch Halluzinationen an die Stelle "normaler"
Alltagserfahrung. Aber mit der Normalität hat es
der zum Tod verurteilte Unternehmer eh nicht mehr. In
Castelnuovo, einem schäbigen toskanischen Kaff in
der Nähe von Siena, lässt sich der Musikenthusiast
provisorisch nieder, um den besagten ultimativen Brendel-Auftritt
vorzubereiten. Er verhandelt mit einem obskuren ortsansässigen
Anwalt, er finanziert die Asphaltierung einer maroden
Straße, will das Gemeindehaus zugunsten einer neu
zu bauenden Konzerthalle niederreißen lassen. Unter
den Einheimischen, die das Treiben des spinnerten, aber
offensichtlich potenten Fremden amüsiert-misstrauisch
verfolgen, sucht er schon mal potenzielle Saaldiener aus
und schickt sie zum Frisör.
Besonders gut motiviert ist das alles sicher nicht:
Woher die Schnapsidee, warum Brendel, warum das alles
in der Toskana? - der Leser hat es einfach hinzunehmen.
Dass es die "Wandererfantasie" sein soll, ist
schon eher nachvollziehbar: Sie geht auf ein Lied zurück,
dessen zentrale Zeilen lauten: "Die Sonne dünkt
mich hier so kalt/, Die Blüte welk, das Leben alt/,
Und was sie reden: leerer Schall, -/ Ich bin ein Fremdling
überall." Das ist in der Tat so ungefähr
das Lebensgefühl des Protagonisten, dem seine Krankheit
bewusst macht, was er wahrscheinlich längst schon
weiß: dass er aus allen konventionellen Bezügen
herausgefallen ist. Aus der Firma, die er verkauft, vor
allem aber aus seiner Familie (Frau, Sohn, Tochter), aus
der er sich genervt zurückzieht.
Selbstredend wird nichts aus dem abstrusen Vorhaben:
Die an Brendel in London geschickten Einladungsschreiben
werden nicht beantwortet, und als Höller aus der
Zeitung erfährt, dass der Pianist das öffentliche
Klavierspielen drangibt (so geschehen im vergangenen Jahr),
ist dies das definitive Ende, in jeder Hinsicht.
Letztlich geht es in Freitags Buch um den Versuch eines
Menschen, seinem verlöschenden Leben im Angesicht
des Außerordentlichen noch einmal eine letzte intensive
Erfahrung abzuringen. Das wird eindringlich dargestellt,
und wenn der Leser sich an thematisch verwandte Literatur
erinnert fühlte - von Thomas Manns "Tod in Venedig"
bis Louis Begleys "Mistlers Abschied" -, dann
griffe er damit nicht unangemessen hoch.
Spezifische Aura der Dinge
Durch die Rhythmisierung der Erzählung zwischen
Rückblenden und von Höller unter den Qualen
einer versagenden Physis vorangetriebener Gegenwartshandlung,
durch die diskrete Platzierung vorausdeutender Todesmotive,
überhaupt durch die spezifische Aura, in der Dinge
und Menschen getaucht werden - durch all dies bekommt
sie ein ganz eigentümliches Gepräge.
Der Roman erscheint in der neuen Edition Elke Heidenreich
bei Bertelsmann, in der die in Köln lebende Autorin,
Kritikerin, Moderatorin und Opernlibrettistin musikaffine
Bücher herausgibt - aus dem belletristischen wie
aus dem Sachbuchbereich. Mit Freitags Buch hat sie einen
guten Empfehlungsgriff getan: Der Verfasser verdient es,
aus den Winkeln der steiermärkischen Provinz, wo
er im Hauptberuf als Mittelschullehrer arbeitet, ans Licht
einer breiten literarischen Öffentlichkeit geholt
zu werden.
Zwei Bemerkungen zum Schluss: Zweifellos hat Freitag
(mindestens) ein Exemplar seines Buches auch an Alfred
Brendel in London geschickt. Und Brendel wird diesmal
auch geantwortet haben. Interessant zu erfahren wäre,
wie der Pianist auf seine literarische Gestaltwerdung
reagiert. Wenngleich der Brendel des Romans ein Brendel
der Fantasie ist - durch welche Verkehrung erneut die
ironische Hintergründigkeit des Titels erwiesen wäre.
Markus Schwering
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| Falter |
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Die Wandererfantasie und der Barpianist
Der Roman „Brendels Fantasie“ beschert dem obersteirischen Autor Günther Freitag einen kräftigen Rezeptionsschub
Es ist kein alltäglicher Karriereverlauf, wenn es einem Autor nach zweieinhalb Jahrzehnten Publikationstätigkeit in kleineren und mittelgroßen österreichischen Editionen, wie kitab oder Droschl, gelingt, ein Buch in einem großen deutschen Belletristikverlag herauszubringen. Der 57-jährige Prosadichter Günther Freitag, der in Leoben als Gymnasiallehrer arbeitet, schaffte nun den Sprung ins Haus Bertelsmann über eine von Starkritikerin Elke Heidenreich betreute Buchreihe, die solche Texte im Visier hat, die – auf welche Weise auch immer – Musik thematisieren. Damit ist gerade jenes Metier benannt, in dem sich Freitag seit seinem Debüt „Kopfmusik“ (1984) mit Vorliebe bewegt.
In seinem zehnten Buch erzählt Freitag von der Musikbegeisterung eines österreichischen Unternehmers namens Höller, der von einem inoperablen Gehirntumor befallen ist und nur mehr wenige Monate zu leben hat. Mit dem Veräußerungserlös seiner Firma will er die ultimative Aufführung von Schuberts „Wandererfantasie“ durch Alfred Brendel ermöglichen. Während Armin Thurnher in seinem ebenfalls kürzlich erschienenen Brendel-Roman „Der Übergänger“ das Augenmerk ganz auf die Persönlichkeit des Pianisten legt, fungiert dieser bei Freitag als Fluchtpunkt von Höllers Fantasie, dessen Grundbefindlichkeit jener in Schuberts „Wanderer“-Lied ähnelt, in dem es heißt: „Ich bin ein Fremdling überall.“ Längst hat Höller die soziale Welt hinter sich gelassen: die Gattin, eine skrupellose Anwältin der High Society, ebenso wie den geldgierigen Sohn und die egomanische Tochter.
Den Hauptstrang der Handlung bildet Höllers Suche nach dem für die „Fantasie“ „idealen Ort“, den er im toskanischen Castelnuovo gefunden zu haben glaubt, wo er den Gemeindesaal, einen architektonischen „Mussolinidreck“, abreißen und stattdessen eine Konzerthalle errichten will. Die Kontaktaufnahme zur Lokalpolitik endet im brachialen Rauswurf, und auch die Briefe, die Höller an den Meister nach London schickt, bleiben unbeantwortet. Eine am Ende zitierte Zeitungsmeldung über Brendels Rücktritt von der Konzertbühne zerschmettert den Traum.
Die Beharrlichkeit und Ausschließlichkeit von Höllers Anstrengung gemahnen an die Obsession verschiedener Romanfiguren Thomas Bernhards wie etwa jener des Pianisten Wertheimer in „Der Untergeher“, der am Genie Glenn Goulds zerbricht. Wenn in Freitags Buch eine „größenwahnsinnige Hoffnung“ oder aus dem Mund eines räsonierenden Professors die Verkommenheit des Staates zur Sprache kommen, wirken solche Sequenzen allerdings wie ein schaler Aufguss Bernhard’scher Übertreibungskunst.
Freilich ist das Objekt der Tiraden in „Brendels Fantasie“ nicht Österreich, sondern Italien, von dem Freitag ein satirisches Sittenbild malt, indem er sein Personal, vom trunksüchtigen Priester bis zur xenophoben Landbevölkerung, klischeehaft überzeichnet. Wenn in Anlehnung an Illustriertenmeldungen von einem Fernfahrer, der sein amputiertes Bein bestatten lässt, oder von einem Bauern, der unter den Tieren und Pflanzen seines Hofs die Demokratie einführt, oder von Hundehoden als Potenz- und Verjüngungsmittel erzählt wird, überzeugt Freitag sowohl als Fabulierer des Skurrilen als auch als Chronist einer infantilisierten Gesellschaft, die in den Medienprodukten des Ministerpräsidenten und vormaligen Barpianisten mit sich identisch zu werden scheint.
Paul Pechmann
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| Die Presse |
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Brendel antwortet nicht
Günther Freitag erzählt in „Brendels Fantasie“ die Geschichte einer Obsession. Schwarze, weiße Tasten geben nicht den Ton an, wohl aber das Herantasten an die Thomas-Bernhard-Stimme.
Kaum ist der Klavierdeckel zu, fliegen die Buchdeckel auf. Alfred Brendel, der dem Konzertpodium Ende 2008 definitiv Adieu gesagt hat, betritt das literarische Parkett, und das in neuer Gestalt. Nicht als Autor brillanter Essays, als den man ihn schon lange schätzt und kennt, nicht als ebenso geliebter und gepriesener Lyriker und Aphoristiker – nein, der neue Alfred, der da mit Aplomb erscheint, ist Brendel als literarische Figur. Die Dichtung, scheint es, hat den Pianisten entdeckt und greift vehement nach seinen Frackschößen, kaum dass sie dem Podium entfleucht sind. Auf Armin Thurnhers „Der Übergänger“ folgt Günther Freitag mit „Brendels Fantasie“. Hat die „Verbrendelung“ der Literatur begonnen?
Hier wie da werden die Erzeugnisse der Brendel-Novellistik „Romane“ genannt. Bei Armin Thurnher ist das ein kluger Weg, mit sehr Persönlichem umzugehen. Autobiografisch formuliert hätten seine Brendeliana womöglich den Charakter einer etwas peinlichen Devotionalie angenommen; so aber, im Gewand des „Romans“, wird Thurnhers Verehrung für Brendel elegant im Spielerischen geborgen. Der Vorarlberger Günther Freitag hingegen hat einen Roman im herkömmlichen Sinn geschrieben. Der Autor verschwindet hinter einem Erzähler, der konventionell eine Geschichte mit fiktiven Figuren darbietet. Es treten auf: ein Fabrikant namens Höller, seine Frau, seine Kinder, Herren aus einem italienischen Altersheim, ein Professore und viele andere. Es tritt nicht auf: Alfred Brendel.
Gleichwohl prangt – im Unterschied zu Thurnhers Buch – der Name Brendel auf dem Deckel. Diesen Roman „Brendels Fantasie“ zu nennen, mag ein literarischer Coup sein, ein Kunstkniff der Ironie (über den noch zu sprechen wäre). Ganz sicher aber handelt es sich auch um einen geschickten Zug des Marketings. Der Name Brendel zieht – und das tut auch der von Elke Heidenreich, den der österreichische Autor gleichfalls aufs Cover drucken lassen kann. „Brendels Fantasie“ erschien in der „Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann“.
Die neue Reihe, erklärt Herausgeberin Heidenreich, verbinde „meine beiden Leidenschaften“, nämlich „Musik und Bücher“. Mehr noch verspricht das Signet der Serie, nämlich „Musik in Büchern“. Tatsächlich gibt es im ersten Schwung der Reihe auch einen Essayband von Hans Neuenfels („Wie viel Musik braucht der Mensch?“), ein Buch über Barenboims West-Eastern Divan Orchestra und eine Neuausgabe von Werfels „Verdi“, Bücher also, in denen – unbestritten – Musik steckt. Wie viel Musik aber findet sich in Freitags Romanneuling? Und wie viel Brendel ist in „Brendels Fantasie“? Die Antwort fällt ernüchternd aus. Wo Brendel draufsteht, muss nicht Brendel drin sein, das zeigt sich unumwunden. Und schwerlich wird man diesen Roman als ein Buch über Musik lesen können oder als eines, in dem Musik wirkt, lebt und schwingt, auch wenn darin alles um ein Musikprojekt kreist.
Der Fabrikant Höller – das ist die Essenz der Story – hat nur noch kurze Zeit zu leben; die Zeit aber, die ihm noch bleibt, widmet der Todkranke so exzessiv wie obsessiv einer Idée fixe: Alfred Brendel soll die „endgültige Interpretation“ der Schubertschen Wandererfantasie spielen, und das nicht etwa in einem der berühmten Konzertsäle der Welt, sondern in einem Raum, den Höller eigens dafür zu schaffen gedenkt. Einen Flecken in der Toskana hat Höller dafür ausersehen. Hier und nur hier scheint Höller die endgültige Interpretation möglich – wobei, nebstbei bemerkt, keine Idee dem Wesen der Musik ferner sein könnte als jene einer „endgültigen Interpretation“?
Höller jedenfalls arbeitet fieberhaft daran. Schon hat er vor Ort Stellung bezogen und Dutzende Details geklärt. Was noch fehlt, ist unter anderem Post von Brendel. Der „englische Brief“ mit der erlösenden Zusage aber bleibt aus. Brendel meldet sich nicht. Brendel antwortet nicht. Brendel kommt nicht.
Dass dieser am 18. Dezember in Wien sein allerletztes Konzert gebe, entnimmt Höller zufällig einer Zeitung – das ist die finale Botschaft für den sterbenskranken Brendel-Fan. Ein Fall, könnte man sagen, von tragischer Ironie, wie man auch – mit etwas gutem Willen – den Titel des Buchs ironisch finden könnte. „Brendels Fantasie“ ist nicht die Fantasie, die Brendel hegt und auch nicht jene, die er spielt, sondern einzig und allein jene einer tragikomischen Romangestalt.
Höllers Fantasie macht Alfred Brendel, den Jahrhundertpianisten, zum Phantom. Die Folge ist: Brendel, das Phänomen, gewinnt keine Kontur, ja dieser Roman bleibt selbst die Antwort darauf schuldig, warum sich Höller um alles in der Welt auf Brendel und Schubert kapriziert und nicht etwa auf Pollini und Chopin, auf Maisky und Bachs Cellosuiten oder auf die ultimative Interpretation des Bernhardschen „Theatermachers“ durch Claus Peymann.
Bernhard freilich grüßt ohnehin aus diesem Text, ob nun Höller das Dienstpersonal eines Hotels als „geldgierige Bewirtungsdilettanten“ beschimpft oder der Erzähler einer bernhardianischen Lust an Komposita frönt. Es klingt nun einmal apart, von der „Brendelstimme“ zu fantasieren, von der „Schubertfigur“ und dem „Schubertaussehen“ – und verschleiert den Umstand, dass man nicht viel erfährt von der Stimme Alfred Brendels oder der Figur und dem Aussehen Franz Schuberts, von dessen Innerem ganz zu schweigen.
Was bleibt, ist die gut erzählte Geschichte einer Obsession. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Es ist ein Leichtes, den Namen Brendel auf einen Buchdeckel zu drucken. Aber die Musik zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, das ist und bleibt verdammt schwer.
Joachim Reiber
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| Frankfurter
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Der ferne Klang Würde man dieses
Buch nach seinem Cover beurteilen, dann wäre man
schnell fertig damit. Eine toskanische Landschaft, durch
den orange-transparenten Schutzumschlag in ein verschwommenes
Abendlicht getaucht, dazu die verschnörkelte Schrift
für den Autornamen - schlimmer kann es nur noch im
Arztroman- oder im Horrorgenre zugehen. Doch dieser zum
Auftakt der neuen "Edition Elke Heidenreich"
bei C. Bertelsmann erschienene Roman des 1952 geborenen
Österreichers Günther Freitag ist kein eindeutiger
Fall. Erzählt wird die sehr düstere Geschichte
einer ideé fixe im Angesicht des nahen Todes: Der
reiche deutsche Fabrikant Höller ist an einem Hirntumor
erkrankt und weiß, dass seine Tage gezählt
sind. Als Abschluss seines Lebens will sich Höller,
dessen Leben bis dato der Herstellung von Autoteilen gewidmet
war, einen Traum erfüllen und die ideale Interpretation
von Schuberts "Wandererfantasie" erleben. Niemand
Geringerer als Alfred Brendel soll dafür gewonnen
werden, ein exklusives Konzert im toskanischen Örtchen
Castelnuovo zu geben, das der besessene Höller als
den perfekten, im Grunde einzig möglichen Ort dafür
ausgemacht hat. Durch den Verkauf seiner Fabrik mit unbegrenzten
Mitteln ausgestattet, will Höller vor Ort den Aufbau
einer geeigneten Konzerthalle in die Wege leiten. Während
seine Krankheit fortschreitet und das Projekt zunehmend
wahnhafte Züge annimmt (so hat etwa Brendel selbst
sich bislang zu dem Plan gar nicht geäußert),
wird Höller in undurchsichtige lokale Geschäfte
hineingezogen, bei denen die Einheimischen seine verständliche
Ungeduld schamlos ausnutzen und dem Fremden zugleich mit
wachsendem Misstrauen begegnen. Das elegische Todesbuch
entfaltet in einer einfachen, ungekünstelten Sprache
doch einen starken Sog, der die Vereinsamung und den Realitätsverlust
des Sterbenden nachvollziehbar macht. Nebenfiguren setzt
Freitag nicht nach Maßgabe des erzählerischen
Realismus, sondern wie wiederkehrende musikalische Motive
ein. Deutliche Anklänge an Thomas Manns "Tod
in Venedig", an Thomas Bernhard und Gert Jonke oder
auch an Walter Kappachers "Fliegenpalast" machen
das Buch nicht epigonal. Es ist eher eine Variation über
ein Thema: die Unmöglichkeit eines restlos gelingenden
Lebens, die vergebliche Suche nach Vollkommenheit, für
die die Chimäre der idealen Interpretation steht.
(Günther Freitag: "Brendels Fantasie".
Roman. Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München
2009. 190 S., geb., 18,95 [Euro].) rik
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| New
Books In German |
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A musical end to a life
Höller, a successful manufacturer and Schubert enthusiast
in his fifties, has been diagnosed with a terminal brain
tumour, leaving him eighteen months to live. Without telling
his wife and family of the diagnosis he resolves to sell
his business to the Russians and use the proceeds to fulfil
his dream of creating the perfect conditions for Alfred
Brendel to record the definitive performance of Schubert’s
‘Wanderer Fantasy’. He writes to Brendl with
his suggestion and goes on holiday to Italy, ostensibly
to recover from exhaustion, but in reality to find the perfect
venue for the recording. He settles on the small Tuscan
town of Castelnuovo and starts to make detailed plans for
the project but without divulging his true intentions to
anybody in the area.
He encounters a succession of stumbling-blocks, mainly in
the form of a motley collection of bizarre and grotesque
characters, providing the novel with a rich vein of black
comedy, but such is Höller’s obsession that he
is wilfully blind to the resentment and resistance quietly
developing among the locals, and he finds ingenious ways
of circumventing the hindrances, convinced he will be tolerated
as an eccentric foreigner. Feeling abandoned and misunderstood
by his successful barrister wife and two adult children,
who believe that the sale of the business and the ‘Brendel
project’ are merely a mid-life, irresponsible whim,
and with no response forthcoming from Brendel, he presses
on regardless.
His stout Italian landlady, his world-weary fellow boarder
the Professor, the drunken priest Don Cesare, the crew of
goatish old men from the retirement home whom Höller
confidently expects to transform into attendants for his
concert hall, the dwarf Gesualdo who is the mayor’s
righthand man, and the mysterious boy with his offers of
help people the pages. The story gathers pace to its startling
climatic chords, which meld the likely and predictable with
the outlandish and unexpected, and there is a poignancy
in the madcap scheme and expression of a man wresting back
control from his malignant fate.
An interplay of light and dark, comic and tragic, a gleeful
skewering of modern manners, preoccupations and lifestyles,
surreal flights of narrative are interspersed with moments
of emotional insight, lyrical description and scabrous comedy.
A brilliant depiction of the human capacity for delusion
in a spellbinding read. Will Herr Brendel agree?
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Brendels Fantasie ("La Fantasía Brendel")
A sus cincuenta años, Höller, un próspero fabricante entusiasta de Schubert, recibe un diagnóstico de tumor cerebral irreversible en el que se le concede año y medio de vida. Sin hablar del diagnóstico a su esposa y a su familia, decide vender su negocio a los rusos y emplear el dinero en cumplir su sueño: crear las condiciones perfectas para que Alfred Brendel grabe la versión definitiva de la "Fantasía Wanderer" de Schubert. Tras escribir a Brendl con la propuesta, se marcha de vacaciones a Italia: supuestamente va a recuperarse de su agotamiento, pero el objetivo en realidad es buscar la localización perfecta para la grabación. Alojado en Castelnuovo, una pequeña ciudad de la Toscana, empieza a detallar los planes del proyecto, pero sin revelar a nadie de la zona sus verdaderas intenciones. Choca entonces con continuos escollos, la mayoría de ellos una variopinta sucesión de personajes extravagantes y grotescos que insuflan en la novela una rica veta de humor negro; pero hasta tal punto llega la obsesión de Höller, que se niega a admitir el resentimiento y las resistencias que van anidando en silencio entre los vecinos, y, convencido de que le tolerarán como a un extranjero excéntrico, encuentra ingeniosos modos de allanar los estorbos. Se siente abandonado e incomprendido por su esposa, una abogada de éxito, y sus dos hijos ya adultos, para quienes la venta del negocio y el "Proyecto Brendel" no son más que una irresponsable tontería de la edad madura; tampoco llega respuesta de Brendel, pero Höller sigue adelante contra viento y marea. Por las páginas del libro vemos pasar entonces a su rotunda patrona italiana, a su compañero de hostal el Profesor, tan cansado de la vida; a Don Cesare, el cura borracho; a los asilvestrados ancianos del asilo que Höller confía plenamente en poder convertir en la audiencia de su sala de conciertos; al enano Gesualdo, mano derecha del alcalde, y al misterioso niño que se ofrece a ayudar a la gente. La historia se precipita hacia sus asombrosos acordes culminantes, en los que lo verosímil y previsible se mezclará con lo descabellado y lo imprevisto, dejando ver lo conmovedor del plan y las actitus de esa cabeza loca en su lucha por arrebatar las riendas a su maligno destino. Vemos interactuar la luz y las sombras, lo cómico y lo trágico, una jubilosa ensalada de actitudes, preocupaciones y estilos de vida modernos, escapadas narrativas surrealistas entremezcladas con momentos de emotiva profundidad, descripciones líricas y comedia escabrosa. Una brillante descripción de la capacidad humana de autoengaño, escrita con absoluta brillantez. ¿Accederá Herr Brendel...?
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| HR2 |
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Günther Freitag hat den Roman einer verzweifelten
Obsession geschrieben
Das Schöne an diesem Roman ist, dass Günther
Freitag die Vorstellung einer idealen Aufführung
eines Musikstücks mit dem sehr genauen Blick auf
die realen Eigenheiten und Probleme der italienischen
Gesellschaft kontrastiert.
Eine mit sehr leichter Hand geschriebene Geschichte,
die auf der einen Seite von der Kraft der Musik und der
Phantasie erzählt und auf der anderen Seite aber
auch ein kleines Sittengemälde der aktuellen italienischen
Gesellschaft zeichnet.
Martin Grunenberg
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| BR5 Aktuell |
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Buchtipp: Günther Freitag: "Brendels Fantasie"
Günther Freitags Protagonist Höller ist ein virtuoser Musikkenner und leidenschaftlich in seinem Streben nach dem reinen Klang. Wie ein Besessener macht er sich an sein spätes Lebenswerk, rennt atemlos gegen die Zeit an, reißt alle beruflichen und familiären Brücken nieder, investiert Unsummen in scheinbar notwendige Vorbereitungsarbeiten. Die Dorfbewohner der italienischen Idealkulisse können allerdings weder mit Schubert, Brendel noch mit der Wandererfantasie etwas anfangen und verstehen schon gar nicht, warum sie eine Nebenstraße asphaltieren oder ihr Gemeindehaus niederreißen sollten. Eine Konzerthalle? Für die seltenen Folkloreabende? Für eine Fantasie? Höller entwickelt einen immer skurrileren Aktionismus, vermittelt naiv zwischen Sprachen, Orten, zwischen Welten und Weltanschauungen. Doch die universelle Sprache der Musik versagt in den winzigen Dorfgässchen, verstummt zwischen den alten Mauern, auf den ungeteerten, schlammigen Wegen der Weinberge – der idealen Kulisse für "Brendels Fantasie".
Dagmara Dzierzan
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| Deutschlandfunk |
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Ja, langweilig ist das ganz bestimmt nicht! Hier rennt
einer vor dem Tod, vor dem Sterben davon und flüchtet
in die Musik.
Denis Scheck
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| Deutschlandradio Kultur |
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Höllers Luftschloss mit Brendel platzt wie eine Seifenblase. Oder –Günther Freitag lässt das bewusst in der Schwebe – platz dem kranken Höller zum Schluss gar der Kopf. Aber vielleicht ist das alles ja nur ein schlechter Traum gewesen. Aus weiter ferne jedenfalls wähnt Höller die letzten Takte der Wandererfantasie zu vernehmen. Man könnte diesen skurrilen Roman, der ja explizit Alfred Brendels Namen schon im Titel führt, auch als Requiem auf den großen gefeierten Pianisten lesen. Freitag hat eine Musikhörer-Passionsgeschichte geschrieben.
Richard Schroetter
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| Mittelbayerische
Ztg. |
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Warten auf Brendels Antwort Skurrile
Phantasien über einen gänzlich abwesenden Pianisten
Von Gerhard Dietel
„Ich hatte immer das Gefühl, ich spiele aus
freien Stücken. Und jetzt höre ich aus freien
Stücken auf.“ Mit diesen Worten vollzog der
Pianist Alfred Brendel im vergangenen Jahr seinen Rückzug
vom Konzertpodium, will jedoch der Öffentlichkeit
erhalten bleiben und dabei seine zweite Neigung zur Literatur
kultivieren.
Orte endgültiger Interpretation
Brendel, der schon mit Büchern über Musik,
aber auch mit Gedichten als Autor an die Öffentlichkeit
trat, ist darüber hinaus nun selbst zur Titelfigur
eines Romans geworden. „Brendels Fantasie“
überschreibt der österreichische Autor Günther
Freitag sein Buch, in dem der berühmte österreichische
Pianist die – wenn auch wie Becketts „Godot“
abwesende – Zentralfigur bildet.
Die äußere Szene beherrscht ein Brendel-Bewunderer:
der Fabrikant Höller, der auf seine letzten Tage
zum Aussteiger wird. Einen inoperablen Gehirntumor hat
man ihm diagnostiziert, und im Angesicht des nahen Todes
wird ihm das bisherige Leben nichtig: Den letzten Funken
Lebenssinn zieht er aus der Klaviermusik Schuberts. Eine
Obsession ergreift Besitz von ihm: „Für jedes
Kunstwerk existiert der ideale Ort, an dem es präsentiert
werden kann.“ Im Falle von Schuberts „Wanderer-Fantasie“
ist Castelnuovo bei Siena für Höller der auserkorene
Ort und Alfred Brendel der einzig mögliche Pianist
für ihre „endgültige Interpretation“,
die dort angesichts der musikalischen Kennerschaft der
ganzen Welt spektakulär in Szene gesetzt werden soll.
Jeden Tag: Wo bleibt die Post?
Skurrile Züge entwickelt, was Höller plant
und unternimmt, um sein Hirngespinst zu realisieren, dieweil
er von Tag zu Tag vergeblich auf dem Postamt des Orts
die zustimmende Antwort Alfred Brendels erwartet. In der
Schwebe bleibt, was Realität ist, was nur noch Fieberträume
eines Menschen, dessen Wirklichkeitssinn längst durch
zunehmend höher dosierte Schmerzmittel getrübt
ist.
Franz Kafka und Thomas Bernhard scheinen die literarischen
Paten von Günther Freitags Roman, der allerdings
weder so unheimlich noch so schwarzgallig wirkt wie oft
deren Prosa, sondern – vielleicht noch mit einem
Schuss Herbert Rosendorfer angereichert – leicht
komponiert ist und flüssig serviert wird.
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| Nürnberger Nachrichten |
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Große Leidenschaft
Ein origineller Beitrag aus der von Bertelsmann herausgegebenen Edition Elke Heidenreich ist Günther Freitags Roman «Brendels Fantasie». Fabrikant Höller sieht das Ende nahen und hat nur einen einzigen Wunsch, dem er alles andere unterordnet: Alfred Brendel soll für ihn Schuberts «Wandererfantasie» spielen. Dafür verlässt er Frau und Firma und errichtet in einem Kaff in der Toskana einen Konzertsaal. Ein Panoptikum skurriler Gestalten!
Jens Voskamp
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| NVT |
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Brendel und Schubert
Der gebürtige Vorarlberger Günther Freitag erzählt
in seinem Buch "Brendels Fantasie" eine eindringliche
Geschichte.
Mit vier Titeln beginnt Elke Heidenreich ihre schön
aufgemachte Edition beim Verlag Bertelsmann, in der sie
ihre "beiden Leidenschaften", Musik und Buch,
verbinden will. Mit Günther Freitag und seinem eindringlichen
Roman "Brendels Fantasie" taucht man ein in die
Vorstellungswelt eines Kranken. Ein Tumor hat sich im Kopf
seines Protagonisten, des Fabrikanten Höller, eingenistet,
dazu aber auch eine fixe Idee: Alfred Brendel, der große
österreichische Pianist, soll für ihn die endgültige
Interpretation von Schuberts "Wanderer-Fantasie"
spielen.
Zum Entsetzen seiner Gattin verkauft Höller seine Fabrik,
löst sich von seiner ihm fremd gewordenen Familie und
geht in die Toscana, um den idealen Ort für das einzigartige
Konzert zu finden. Die Schmerzen in seinem Kopf überfluten
ihn immer mehr, doch Höller lässt nicht ab. Baumaschinen
und Akustikspezialisten würde er in Bewegung setzen,
um seinen Traum zu erfüllen, die Klänge Schuberts
tragen ihn dabei über alle Hindernisse und widrigen
Umstände hinweg.
Günther Freitag kennt seinen Schubert und seinen Brendel,
und man folgt Höller auf seinen Wegen durch italienischen
Bürokratiedschungel, Fieberträume und Begegnungen
mit skurrilen Gestalten und immer wieder dem Tod. Im Buch
antwortet Alfred Brendel nie auf die hartnäckigen Anfragen
seines Fans, wahr aber ist jene Meldung von Brendels Rückzug
vom Konzertleben, die Höller endgültig zusammenbrechen
lässt.
Katharina von Glasenapp
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| News |
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Große Werke der Musikgeschichte bieten gutes Material
für Literaten. Der Vorarlberger Günther Freitag
bedient sich nun mit eindrücklichem Erfolg an Schuberts
„Wandererfantasie“. Sein Held, der Industrielle
Höller, leidet an einem Gehirntumor. Er weiß,
dass er nur noch wenige Monate zu leben hat, gibt seine
Firma auf und sucht den besten Aufführungsort für
Schuberts Werk, um Alfred Brendel zu engagieren. Auf seiner
Reise durch Italien findet er diesen Ort. Die Geschichte
berührt, nur dann und wann verliert sich Freitag etwas
zu sehr in Beschreibungen. Lohnende Lektüre jedenfalls.
Edition Elke Heidenreich, € 19,50.
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| Das Orchester |
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Brendels Fantasie
„Ich hatte immer das Gefühl, ich spiele aus freien Stücken. Und jetzt höre ich aus freien Stücken auf.“ Mit diesen Worten kündigte der Pianist Alfred Brendel im vergangenen Jahr seinen Rückzug vom Konzertpodium an und feierte seinen Abschied mit einem Auftritt am 18. Dezember 2008 in Wien. In Vorträgen, Lesungen und Gesprächen will er jedoch der Öffentlichkeit erhalten bleiben und dabei seine zweite Neigung zur Literatur kultivieren. Brendel, der bereits mit Büchern über Musik, aber auch mit Gedichten als Autor an die Öffentlichkeit trat, ist darüber hinaus nun selbst zur Titelfigur eines Romans geworden. "Brendels Fantasie" überschreibt der österreichische Autor Günther Freitag sein vergnüglich zu lesendes Buch, in dem der berühmte österreichische Pianist die – wenn auch wie Becketts Godot abwesende – Zentralfigur bildet.
Die äußere Szene beherrscht derweil ein Brendel-Bewunderer: der Fabrikant Höller, der auf seine letzten Tage zum Aussteiger wird. Einen inoperablen Gehirntumor hat man ihm diagnostiziert, und im Angesicht des nahen Todes scheint ihm das bisherige Leben nichtig: die Firma, seine Frau, die als erfolgreiche Anwältin ohnehin ihre eigenen Wege geht, und die beiden Kinder, der karrieregeile Sohn und die versponnen-unpraktische Tochter werden ihm gleichgültig. Den letzten Funken Lebenssinn zieht er aus der Klaviermusik Schuberts, zu der er sich nun flüchtet.
Eine Obsession ergreift Besitz von ihm: „Für jedes Kunstwerk existiert der ideale Ort, an dem es präsentiert werden kann.“ Im Falle von Schuberts "Wanderer-Fantasie" ist Castelnuovo bei Siena für Höller der auserkorene Ort und Alfred Brendel der einzig mögliche Pianist für ihre „endgültige Interpretation“, die dort in Anwesenheit der musikalischen Kennerschaft der ganzen Welt spektakulär in Szene gesetzt werden soll.
Skurrile Züge entwickelt, was Höller plant und unternimmt, um sein Hirngespinst zu realisieren. Den Abriss und Neubau des Gemeindehauses möchte er durchsetzen („in diesem Mussolinibau würde Brendel niemals spielen“), eine Straße lässt er auf eigene Kosten teeren, und voreilig beginnt er, die lemurenhaften Bewohner eines Altersheimes als Saaldiener für den großen Auftritt zu verpflichten, dieweil er von Tag zu Tag vergeblich auf dem Postamt des Orts die zustimmende Antwort Alfred Brendels erwartet.
In der Schwebe bleibt, was Realität ist, was nur noch Fieberträume eines Menschen, dessen Wirklichkeitssinn längst durch zunehmend höher dosierte Schmerzmittel getrübt ist. Franz Kafka und Thomas Bernhard scheinen die literarischen Paten von Günther Freitags Roman, der allerdings weder so unheimlich noch so schwarzgallig wirkt wie oft deren Prosa, sondern – vielleicht noch mit einem Schuss Herbert Rosendorfer angereichert – leicht komponiert ist, sodass man ihn gerne in einem Zug durchliest.
Gerhard Dietel
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| Brigitte |
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"Fast beneide ich diesen Höller! Ja, er ist
krank, ja, er ist verrückt, aber welche Leidenschaft
treibt ihn! Nur wer brennt, lebt": Das sagt Elke Heidenreich
über den Helden dieses Romans, der sie so entflammt
hat, dass sie ihn einfach in ihre neue Edition aufnehmen
musste. Eine Edition, die Elke Heidenreichs Liebe zur Literatur
mit ihrer Liebe zur Musik vereint. Und wenn der österreichische
Autor Günther Freitag in "Brendels Fantasie"
über Musik schreibt, dann geht es wirklich um die ganz
großen Gefühle. Denn Fabrikant Höller hat
einen unheilbaren Hirntumor und nur noch ein Ziel: Pianist
Alfred Brendel soll für ihn die endgültige Interpretation
von Schuberts "Wandererfantasie" spielen. In der
Toskana, koste es, was es wolle. Höller verscherbelt
seine Fabrik und damit das Erbe von Frau und Kindern, die
nichts von seinem Hirngespinst hören wollen, und geht
auf in seinem Projekt - bis Worte und Töne, das Erzählte
und der Klang meisterhaft verschmelzen. Angela
Wittmann
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| Frankfurter
Allgemeine |
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Freiflug
Elke Heidenreichs neue Musik-Roman-Edition
Wenn die Musik abkadenziert und fertig ist, beginnt der
freie Flug der Phantasie. An dieser Schnittstelle entstand
der Musiker-Roman. Und zwar vor ungefähr 180 Jahren,
im Zeitalter der Industrialisierung. Brauchen wir aber
heute, wo an jeder Straßenecke etwas summt und swingt
und säuselt und die Musik nie fertig ist, noch neue
Musiker-Romane?
Keiner anderen Kunst falle "das Beweisen so schwer
als der musikalischen", klagte Robert Schumann (der
es aber trotzdem immer wieder versucht hat). Beim Schreiben
über Musik gehe "der Verstand an der Krücke
Sprache", notierte etwa zur selben Zeit Adolf Bernhard
Marx (erster Beethoven-Biograph und "Erfinder"
der musikalischen Formenlehre). Vom "Geisterreich
des Unendlichen", das uns von Beethoven aufgeschlossen
werde, schwärmte E.T.A. Hoffmann, dessen Kapellmeister
Johannes Kreisler zur Blaupause wurde für unzählige
weitere Musiker-Romane: herrlich Identifikatorisch-Revolutionäres
darunter, wie der wüste "Verdi"-Roman von
Franz Werfel, aber auch abscheulich süßer,
reaktionärer Quark wie "Schwammerl" von
Rudolf Hans Bartsch. Gewiss ist ein Musiker-Roman kein
Sachbuch, es darf ruhig alles falsch sein, was darin behauptet
wird. Aber er ist auch keine Oper, von der Giuseppe Verdi
mal sehr schön meinte, sie erfinde sich die Wahrheiten,
was auf jeden Fall besser sei, als sie nachzubilden.
In der "Edition Elke Heidenreich" bei C. Bertelsmann
kommen am Dienstag die vier ersten Musikbücher heraus.
Zwölf Musiktitel sollen es künftig jährlich
werden, Altes und Neues, freier Flug und Kadenz, alles
durcheinander, die erste Lieferung enthält auch gleich
zwei Musiker-Romane: Werfels "Verdi" (440 Seiten,
22,95 Euro), neu aufgelegt mit einem Vorwort von Verdi-Regisseur
Hans Neuenfels, der außerdem selbst einen zauberhaft
brauchbaren Sammelband beisteuert zur Heidenreich-Edition
mit seinen verstreuten Programmbuch-Notizen (250 Seiten,
21,95 Euro).
Dazu, neu, "Brendels Fantasie" von Günther
Freitag (192 Seiten, 19,50 Euro). Der Roman erzählt
von einem todkranken Mann, der sich wünscht, noch
einmal zu hören, wie Alfred Brendel Schuberts "Wandererfantasie"
spielt.
Als er in der Zeitung liest, dass Brendel aufhören
will zu konzertieren, stirbt er. Der Tod kommt mit Licht
und Musik, die Krankheit heißt Krebs, der Mann ist
Industrieller, seine Ehefrau gefühlskalt, die Kinder
sind missraten, die Flucht aus der schnöden Ekelwelt
führt natürlich in die Toskana. Und so weiter.
Sollte das etwa eine Musiker-Roman-Karikatur sein? Aber
dann tun sich mitten zwischen diesen leblos Karussell
fahrenden Wort-Krücken plötzlich Inseln auf.
Nebenschauplätze: ein Mord, der keiner ist, ein Schriftstück,
das beschließt, sich selbst zu vernichten, und der
Putzfrau vor die Füße fällt, Gewitter,
Spuk, Ironie, Träume. Alles wild romantisch und ernst
gemeint.
Eleonore Büning
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| Literaturzeitschrift.de |
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Zwar steht der entscheidende Brief aus England noch aus,
doch die Vorbereitungen für die Fantasie sind in vollem
Gange. Der Unternehmer Höller hat den idealen Ort für
die Aufführung von Franz Schuberts „Wandererfantasien“
gefunden: Das kleine Örtchen Castelnuovo in der Toskana
bietet die besten Rahmenbedingungen für das anspruchsvolle
Werk des eigenwilligen Komponisten. Es kommt nur selten
zur Aufführung und soll nun von dem herausragenden
Pianisten Alfred Brendel interpretiert werden. Höller
ist todkrank, doch die ihm verbleibende Zeit nutzt er mit
Konsequenz. Die Straße lässt er frisch asphaltieren,
sein Anzug hängt maßgeschneidert bereit, die
künftigen Saaldiener aus dem Altenheim werden sorgsamst
geschult, und der Neubau des Gemeindesaales ist nur noch
eine Frage der Zeit. Nichts bleibt dem Zufall überlassen.
Auch an die Überführung des sensiblen Bösendorfer
Konzertflügels aus Wien ist gedacht. Die Finanzierung
ist kein Problem, denn Höller verkauft seine Firma
gerade an die Russen. Zwar sind alle aus der Familie dagegen
– seine Frau, eine Wiener Staranwältin, sein
Sohn, ein geldgieriger Karrieremensch, und seine Tochter,
eine weltfremde Möchtegernkünstlerin -, doch Höller
verfolgt sein Ziel unbeirrt: Alfred Brendel wird aus England
nach Castelnuovo kommen und die Fantasie spielen!
Der Druck in Brendels Kopf nimmt zu, die Aussicht auf das
grandiose Konzert aber beflügelt den Todkranken. Alles
andere wird unwichtig angesichts der Fantasie. Schmerzen
und Schwäche, Vorurteile und Vorschriften, falsche
Anschuldigungen und andere Hindernisse gilt es zu überwinden,
rasch und effizient. Medikamente, Überzeugungskraft
und Geld machen fast alles möglich. Rückschläge
fordern den Musikbesessenen erst recht heraus. Nichts wird
der Fantasie mehr im Wege stehen. Der Brief aus England
muss jeden Moment eintreffen …
Günther Freitag erzählt die Geschichte eines Idealisten,
der im Angesicht des Todes allen Konventionen trotzt, um
seinen Traum zu verwirklichen. Der lakonische Schreibstil
macht die bedingungslose Entschlossenheit und glühende
Begeisterung Höllers besonders anschaulich. Die Schilderung
der örtlichen Gegebenheiten, die Vorstellung der verblüfften
Einheimischen bilden den originellen Rahmen einer großen
Leidenschaft zur Musik. Faszinierend und mitreißend
beleuchtet Freitag Menschenelend und Alltagsglück.
Das Gleichnis vom Tod als Luxusgut untermalt dieses fantastisch
zuversichtliche Endzeitszenario.
Kathrin Kowarsch
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| Webnews.de |
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Der unheilbar an einem Gehirntumor erkrankte Fabrikant
Höller hat eine Vision: Die ideale Interpretation von
Franz Schuberts »Wandererphantasie«. Seinen
Wunschpianisten hat er bereits auserkoren; den greisen Alfred
Brendel. Nun benötigt er nur noch den idealen Konzertsaal
in der idealen Landschaft. Als letztere kommt für Höller
einzig die Toskana infrage. Um seinen Traum verwirklichen
zu können, verkauft er sein Unternehmen, das Klimaanlagen
für Autos produziert, an russische Investoren. Höller
bezieht eine Pension in einem kleinen, von der Landwirtschaft
geprägten toskanischen Ort, in dem die Zeit stehen
geblieben zu sein scheint und wo er die »Wandererphantasie«
aufgeführt haben möchte. Von dort schreibt er
regelmäßig Briefe an den in London lebenden Pianisten.
Doch erhält Höller nie eine Antwort.
Günther Freitag erzählt in einem nahezu schnörkellosen,
angenehmen Stil mitunter von subtilem Humor begleitet,
wie ein Mann, der Zeit seines Lebens nach außen
ein unauffälliges, ja eigentlich nichtssagendes Leben
geführt hat, erkennen muß, daß ihm nur
noch kurze Zeit zum Leben bleibt und er bisher nichts
von dem getan hat, was ihn wirklich interessierte. Um
nicht auch noch die wenigen ihm verbleibenden Monaten
ungenutzt verstreichen zu lassen und der Welt nichts anders
als ein Unternehmen für Klimaanlagen und seinen Kindern
Geld zu hinterlassen, versucht er zielstrebig seinen Traum
umzusetzen; die ideale Interpretation seiner geliebten
»Wandererphantasie« von Franz Schubert.
Doch wird aus der Suche nach dem passenden Ort immer mehr
eine Suche nach sich selbst und eine Bilanz seines bisherigen
Lebens an der Seite einer schönen und erfolgreichen
Anwältin, mit der er einen Sohn, der nichts anderes
als seinen beruflichen Erfolg im Sinn und einer über
alle Maßen verwöhnten und launischen Tochter
hat. Ehefrau und Kinder interessieren sich jeder auf ihre
Weise nur für sich selbst. Höllers Bemühungen,
seine Kinder doch noch einigermaßen zu sozialisieren,
werden von seiner Frau entschlossen hintertrieben. Höller
fehlte Zeit seines Lebens die Kraft, sich gegenüber
seiner Frau durchzusetzen. Selbst den Verkauf der Fabrik
betreibt er hinter ihrem Rücken und verschweigt seiner
Familie seine unheilbare Krankheit.
Aber auch auf der Suche nach dem passenden Aufführungsort
für die »Wandererphantasie« tun sich
für Höller unerwartete Schwierigkeiten auf.
Er begegnet skurrilen Typen, unter anderem einem zwangsweise
in den Ruhestand versetzten Lehrer, der zwar als vom Leben
Enttäuschter das tagesaktuelle Geschehen bissig kommentiert,
aber nichtsdestotrotz den Kern der Probleme illusionslos
erfaßt.
Absurde Geschichten die Höller in Zeitungen liest
oder ihm erzählt werden, verdeutlichen den Aberwitz
des Alltags, nicht nur von dem, in dem sich Höller
bewegt.
Höllers Geschichte ist vor allem eine Geschichte
des Scheiterns einer großen Idee. Aber eines Scheiterns
auf hohem Niveau. Höller läßt sich jedoch
durch nichts von seinem Ziel abbringen, versucht die Probleme,
die sich ihm stellen so gut als möglich zu lösen.
Höller mag auf seine Umwelt verrückt wirken,
doch bleibt seine Umgebung den Beweis schuldig, daß
sie nicht verrückt ist. Mitunter drängt sich
der Eindruck auf, daß Höller der einzig wirklich
»Normale« ist.
Einmal mehr gilt, daß der Weg das Ziel ist, und
man nur selbst dem Leben einen Sinn geben kann.
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| Fürther Nachrichten |
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Große Leidenschaft
Ein origineller Beitrag aus der von Bertelsmann herausgegebenen Edition Elke Heidenreich ist Günther Freitags Roman «Brendels Fantasie». Fabrikant Höller sieht das Ende nahen und hat nur einen einzigen Wunsch, dem er alles andere unterordnet: Alfred Brendel soll für ihn Schuberts «Wandererfantasie» spielen. Dafür verlässt er Frau und Firma und errichtet in einem Kaff in der Toskana einen Konzertsaal. Ein Panoptikum skurriler Gestalten!
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Bibiotheksnachrichten |
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Ein Sterbender auf der Suche nach der endgültigen Interpretation
Schuberts Wandererfantasie gilt als sein schwierigstes Werk. Für den Industriellen Höller ist nur Alfred Brendel dazu in der Lage, es zu spielen. Doch nicht nur der richtige Pianist ist nötig, auch der Aufführungsort muss passen und für Brendels Wandererfantasie kommt nur die Toskana in Frage. Als Höller erfährt, dass er todkrank ist, will er die perfekte Aufführung inszenieren, er reist in die Toskana und lässt sein altes Leben hinter sich. Er schult alte Männer als Saaldiener ein und versucht, die Stadt davon zu überzeugen, ein geeignetes Konzerthaus zu bauen. Ständig plagen Höller dabei Kopfschmerzen und die hohe Dosis der Schmerzmittel führt zu wirren Träumen. Doch der Bürgermeister kümmert sich nicht um die Fantasie, die Alten sind nur an Potenzmitteln interessiert und Brendel beantwortet keinen von Höllers Briefen.
"Brendels Fantasie" ist ein Roman über die Jagd nach dem perfekten Kunstwerk, das Kunstwerk selbst ist dabei nebensächlich. Stattdessen folgt Günther Freitag dem getriebenen Moribundus durch das Dorf und lässt ihn über Gott und die Welt jammern. Er mischt kuriose Geschichten von einem pädophilen Priester, der Demokratisierung eines Bauernhofs und gescheiterten Künstlern darunter. Obwohl er dies sehr unterhaltsam tut, verliert Freitag sich häufig in unwichtigen Details. Trotzdem ein sehr amüsantes und leichtes Buch.
Josef Glaser
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| Literaturtest |
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Höller hört die Fantasie
Der nahe Tod treibt Menschen oft zu den merkwürdigsten
Dingen. Martin Walser hat dieses letzte Aufbegehren in
seinem Roman „Angstblüte“ beschrieben.
Da wird noch einmal exzessiv gelebt, alles über den
Haufen geworfen, geliebt, gespielt, gefeiert. Der Unternehmer
Höller in „Brendels Fantasie“ ist schon
zu krank, um sich durch fremde Betten zu schlafen, sich
zu betrinken und zu amüsieren. Zu sehr setzt ihm
der Tumor im Schädel zu. Doch er hat einen letzten
verwegenen Plan: Er will Alfred Brendel, den österreichischen
Ausnahmepianisten, einen der ganz großen Schubert-Interpreten
des 20. Jahrhunderts, engagieren, um die „Wandererfantasie“
ein letztes Mal zu spielen – im kleinen Castelnuovo
bei Siena.
Der ideale Ort
Höller ist überzeugt: „Zu jedem Kunstwerk
existiert der ideale Ort, in dem es präsentiert werden
kann“. „Und die Wandererfantasie muss ihre
endgültige Interpretation in Castelnuovo erfahren.
Eine Aufführung, nach der sie nirgendwo mehr gespielt
werden könnte.“ Castelnuovo ist dieser ideale
Ort. Über zwei Hügel liegt es hingestreckt,
an den Hängen wachsen seit Generationen Rebstöcke.
Einzig ein geeigneter Saal fehlt …
Das Projekt wird für Höller zum mentalen Befreiungsschlag.
All die kleinen Ideen und Wünsche sind ausgeblendet,
nur noch das eine große Ziel bleibt. Seine Firma
will er an „die Russen“ verkaufen und mit
dem Geld den Gemeindesaal zur Konzertarena umbauen. Doch
die Bewohner des Ortes beäugen Höller argwöhnisch.
Er gilt als Sonderling – nicht zuletzt, weil er
wegen der pochenden Kopfschmerzen mit nassen Kompressen
um sein Haupt durch den Ort zieht. Seine Idee versteht
niemand so recht, und man vermutet, dass hier bloß
ein weiterer Investor einen Reibach machen möchte.
Dabei bilden die eigenwilligen Bewohner des Ortes selbst
ein skurriles Panoptikum: die resolute Wirtin, die keine
Unterhaltungen über Politik duldet; der zwergenhafte,
mäßig begabte Anwalt, der Höller ein Haus
vermietet; das Bauernpaar, das auf ihrem „demokratischen
Hof“ Parlamentssitzungen mit Menschen und Tieren
veranstaltet. Allein in dem zynischen Professor für
Römisches Recht, den Höller täglich im
Café trifft, findet er einen streitbaren Unterstützer.
Die alte Welt hinter sich lassen
Sophie, Höllers Frau und Staranwältin in Frankfurt,
begleitet ihn zunächst und macht sich doch vor allem
Sorgen, dass er tatsächlich sein Unternehmen verkaufen
könnte, wodurch sie und ihre Kinder um ihr Erbe „betrogen“
würden. Lange schon leben Höller und Sophie
in getrennten Welten, sind sich fremd geworden. Ohne dass
sie einander näher gekommen wären, reist sie
schließlich wieder ab, um in einem spektakulären
Prozess eine Riege korrupter Politiker zu verteidigen.
Und auch die Kinder Clemens und Nathalie taugen nicht
als Lichtblicke. Clemens ist ein „berechnender Streber“,
ein Karrierist, Nathalie eine weltfremde Träumerin,
eine „Realitätsverweigerin“, die jede
Menge Geld in dubiosen Kunstprojekten vernichtet. Beide
lassen sich luxuriös von den Eltern alimentieren
und zeigen kaum eine Gefühlsregung ihnen gegenüber.
Der Tod als Begleiter
Es ist ein mal dumpfer, mal stechender Schmerz im Kopf,
der Höller fast niederringt. Nur mit einer hohen
Dosis von Schmerz- und Schlafmitteln kann er noch weitermachen.
Höller ist ein durch und durch männlicher Patient,
der kaum etwas von seiner Krankheit preisgibt und seinen
Kampf alleine führt. Der Tod wird zum ständigen
Begleiter von Höllers skurriler Passion: bei den
Begegnungen mit den Alten, die er als Platzanweiser für
das große Konzert gewinnen will, in den Erinnerungsfetzen
an Krankenhausbesuche und in seinen Reminiszenzen an Glenn
Goulds frühen Tod. Es scheint fast, als spiegele
sich seine (Krankheits-)Geschichte in der des Pianisten;
auch in dessen Kopf herrschte geradezu ein „Klangüberdruck“,
der ein Ventil suchte.
Von der Musik beseelt
Bis zum Ende wartet Höller auf eine Nachricht Brendels,
ob er denn das Konzert geben werde, und arbeitet besessen
an seinem Plan für das große Konzert –
bis eine Zeitungsnotiz seine Welt anhält ...
Günther Freitag legt hier eine ganz und gar ungewöhnliche
Geschichte vor. Sie erzählt von Entfremdung und überraschender
Nähe, Tod und Aufbegehren, Vergänglichkeit und
Neubeginn und von einer großen Liebe zur Musik.
Elke Heidenreich, in deren Edition der Band erscheint,
zeigt sich beeindruckt vom Helden dieses Romans: „Fast
beneide ich diesen Höller! Ja, er ist krank, ja,
er ist verrückt, aber welche Leidenschaft treibt
ihn! Nur wer brennt, lebt.“
Carsten Hansen, Literaturtest, Berlin, August
2009
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| Schott Music |
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„Ich hatte immer das Gefühl, ich spiele aus freien Stücken. Und jetzt höre ich aus freien Stücken auf.“ Mit diesen Worten kündigte der Pianist Alfred Brendel im vergangenen Jahr seinen Rückzug vom Konzertpodium an und feierte seinen Abschied mit einem Auftritt am 18. Dezember 2008 in Wien. In Vorträgen, Lesungen und Gesprächen will er jedoch der Öffentlichkeit erhalten bleiben und dabei seine zweite Neigung zur Literatur kultivieren. Brendel, der bereits mit Büchern über Musik, aber auch mit Gedichten als Autor an die Öffentlichkeit trat, ist darüber hinaus nun selbst zur Titelfigur eines Romans geworden. "Brendels Fantasie" überschreibt der österreichische Autor Günther Freitag sein vergnüglich zu lesendes Buch, in dem der berühmte österreichische Pianist die – wenn auch wie Becketts Godot abwesende – Zentralfigur bildet.
Die äußere Szene beherrscht derweil ein Brendel-Bewunderer: der Fabrikant Höller, der auf seine letzten Tage zum Aussteiger wird. Einen inoperablen Gehirntumor hat man ihm diagnostiziert, und im Angesicht des nahen Todes scheint ihm das bisherige Leben nichtig: die Firma, seine Frau, die als erfolgreiche Anwältin ohnehin ihre eigenen Wege geht, und die beiden Kinder, der karrieregeile Sohn und die versponnen-unpraktische Tochter werden ihm gleichgültig. Den letzten Funken Lebenssinn zieht er aus der Klaviermusik Schuberts, zu der er sich nun flüchtet.
Eine Obsession ergreift Besitz von ihm: „Für jedes Kunstwerk existiert der ideale Ort, an dem es präsentiert werden kann.“ Im Falle von Schuberts "Wanderer-Fantasie" ist Castelnuovo bei Siena für Höller der auserkorene Ort und Alfred Brendel der einzig mögliche Pianist für ihre „endgültige Interpretation“, die dort in Anwesenheit der musikalischen Kennerschaft der ganzen Welt spektakulär in Szene gesetzt werden soll.
Skurrile Züge entwickelt, was Höller plant und unternimmt, um sein Hirngespinst zu realisieren. Den Abriss und Neubau des Gemeindehauses möchte er durchsetzen („in diesem Mussolinibau würde Brendel niemals spielen“), eine Straße lässt er auf eigene Kosten teeren, und voreilig beginnt er, die lemurenhaften Bewohner eines Altersheimes als Saaldiener für den großen Auftritt zu verpflichten, dieweil er von Tag zu Tag vergeblich auf dem Postamt des Orts die zustimmende Antwort Alfred Brendels erwartet.
In der Schwebe bleibt, was Realität ist, was nur noch Fieberträume eines Menschen, dessen Wirklichkeitssinn längst durch zunehmend höher dosierte Schmerzmittel getrübt ist. Franz Kafka und Thomas Bernhard scheinen die literarischen Paten von Günther Freitags Roman, der allerdings weder so unheimlich noch so schwarzgallig wirkt wie oft deren Prosa, sondern – vielleicht noch mit einem Schuss Herbert Rosendorfer angereichert – leicht komponiert ist, sodass man ihn gerne in einem Zug durchliest.
Gerhard Dietel
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| Stadtbibliothek Hennef |
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Rezension zu "Brendels Fantasie" von Günther Freitag
In dem 2009 erschienenen Roman erfährt der reiche Fabrikant Höller, dass er einen inoperablen Gehirntumor hat, somit nicht mehr lange leben wird und entscheidet sich, seinen Lebenstraum zu verwirklichen: der berühmte österreichische Pianist Alfred Brendel soll für ihn Schuberts Wandererfantasie spielen.
Abhalten lässt er sich von nichts und niemanden, zumal er seine Frau, eine Staatsanwältin, seinen Sohn, einen rücksichtslosen Karrieristen und seine lebensuntüchtige Tochter verachtet. Er verkauft zum Entsetzen seiner Familie seine gut gehende Firma und bricht in die Toskana auf.
In Castelnuovo widmet er sich mit brennender Leidenschaft seinem Ziel und wird zum Gesprächsthema der Stadt; er will einen neuen Konzertsaal bauen lassen, lässt den alten Männern des Ortes Bart und Haare schneiden, damit sie würdige Saaldiener werden können und lässt sich auch von rasenden Kopfschmerzen, Schwindelanfällen und einem Mord nicht beirren. Wird er es schaffen?
Freitag schildert subtil und oftmals sehr skurril einen Besessenen im Angesicht des Todes, der diesem ausweichen will, aber dennoch immer wieder auf ihn trifft.
Ein ungewöhnlicher, aber bemerkenswerter Roman.
Martina Hamacher (1/2010)
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| Hersbrucker Zeitung |
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Große Leidenschaft
Ein origineller Beitrag aus der von Bertelsmann herausgegebenen Edition Elke Heidenreich ist Günther Freitags Roman «Brendels Fantasie». Fabrikant Höller sieht das Ende nahen und hat nur einen einzigen Wunsch, dem er alles andere unterordnet: Alfred Brendel soll für ihn Schuberts «Wandererfantasie» spielen. Dafür verlässt er Frau und Firma und errichtet in einem Kaff in der Toskana einen Konzertsaal. Ein Panoptikum skurriler Gestalten!
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| Feldkircher
Anzeiger |
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Der Tod lauert an jeder Ecke
In diesem meisterhaft erzählten Roman schildert Günther
Freitag subtil-komisch eine Obsession vom reinen Klang im
Angesicht des Todes. Fabrikant Höller lässt alles
hinter sich, um sich seinen Lebenstraum zu erfüllen:
Noch einmal Alfred Brendel Schuberts "Wandererfantasie"
spielen zu hören - in der Toskana. Also macht er sich
dort verbissen auf die Suche nach dem idealen Konzertsaal.
Doch alles Bemühen, dem Vergessen anheim zu fallen,
erweist sich als vergeblich. Denn der Tod lauert an jeder
Ecke - in Form skurriler Gestalten und bizarrer Begebenheiten.
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| me-book |
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Es sind die leisen Töne! (Günther Freitag "Brendels Fantasie")
Höller ist schwer krank. Seine Ärzte haben bei ihm einen inoperablen, bösartigen Hirntumor diagnostiziert. Ihm bleiben noch allerhöchstens ein bis zwei Jahre. Auf diese Diagnose hin, beschließt Höller, seinen Lebenstraum zu erfüllen: die perfekte Aufführung der Wanderfantasie von Schubert gespielt vom berühmten Pianisten Alfred Brendel.
Dafür will er das Unternehmen, das er jahrelang erfolgreich aufgebaut hat, an russische Investoren verkaufen. Seine Familie, allen voran seine Frau Sophie, eine ehrgeizige Prozessanwältin, sowie die beiden gemeinsamen Kinder, Clemens den karrieregeilen Sohn und Nathalie, die weltfremde Tochter, lässt er, um sein Projekt nicht zu gefährden, über seinen Gesundheitszustand sowie sein Vorhaben im Unklaren.
Auf der Suche nach dem idealen Aufführungsort verschlägt es Höller nach Italien. In einem malerischen Dorf in der Toskana findet er den perfekten Aufführungsort. Dort in diesem kleinen italienischen Ort richtet er sich ein. Er erkundet das Terrain, legt sich seinen Schlachtplan zurecht und beginnt seine Fäden zu ziehen. Getrieben von seinem Vorhaben beginnt Höller, systematisch die Umgebung zu erforschen und knüpft Kontakte. Er bezieht La Torre, ein Haus in der Gegend, das ihm repräsentativ genug erscheint und von wo er das große Ereignis steuern will.
Der alte Gemeindesaal, beschließt er, müsste natürlich abgerissen werden. Einen neuen Saal, gebaut nach rein akustischen Gesichtspunkten, würde er dem Sindalco, dem Gemeindechef, schon schmackhaft machen können. Den Bösendorfer Flügel aus dem Wiener Musikverein würde er gegen entsprechende Bezahlung herschaffen können. Und auch an der Zusage Brendels, dem er fast täglich nach England telegraphiert, zweifelt er nicht. Er ist sicher, dass diese noch kommen wird.
Gepeinigt von immer stärkeren Kopfschmerzen und zurückgeworfen von einigen unvorhergesehenen Ereignissen, schreitet er unbeirrt voran in seinem Vorhaben. Aus dem örtlichen Altenheim sucht er seine Saaldiener aus. Er lässt die Auffahrt zu La Torre neu asphaltieren. Er beschwichtigt seine Familie zu Hause und schliesst schliesslich sehr zum Missfallen seiner Frau den „Russendeal“, den Verkauf seines Unternehmens ab.
Je mehr er sich bemüht, desto näher kommt man allerdings auch an das Ende seiner Geschichte. Und schliesslich rechnet man schon damit, dass seinem Vorhaben kein Erfolg beschieden sein wird, als er tatsächlich eines Morgens die Zeitung aufschlägt, welche eine Hiobsbotschaft für ihn enthält: Alfred Brendel, der von ihm so sehr verehrte Pianist, hat beschlossen seine Konzertkarriere zu beenden. Insbesondere die Fantasie, ein „athletisch anspruchsvolles Werk“, das er seit mehreren Jahren schon gemieden hatte zu spielen, würde er nie mehr aufführen.
Es ist ein leises, feines Buch über die große Liebe und Leidenschaft im Leben Höllers, die Musik. Es ist kein Buch, das man aufschlägt, um dann Seite um Seite zu verschlingen. Und doch hinterlässt es einen starken Eindruck und eine Bewunderung für Höller, für seinen unbedingten Willen, sich diesen seinen letzten Wunsch noch zu erfüllen.
Es reißt nicht mit, aber es berührt, so kann man es kurz zusammenfassen.
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| schreib-lust.de |
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Zwei Leidenschaften hat Elke Heidenreich in ihrer neuen Edition bei Bertelsmann miteinander verbunden: Musik und Bücher. In sehr schöner Aufmachung erscheinen in den nächsten drei Jahren zwölf Bücher – neue und wiederentdeckte Literatur über Musik. Die ersten vier Bände liegen jetzt vor.
Eine Neuerscheinung ist „Brendels Fantasie“ von Günther Freitag, ein ebenso fantastisches wie sinnliches Buch. Seinen verrückten, durch und durch musikleidenschaftlichen Helden Höller, einen Menschen mit einer besonderen Note, schickt Freitag auf eine Reise in die Toskana. Dort soll Alfred Brendel für ihn Schuberts „Wandererfantasie“ spielen. Ein Buch über das Aussteigen, über Lebensträume und den Tod ist der Roman. – Ein verrücktes kleines Meisterwerk.
Günther Freitag: Brendels Fantasie.
Bertelsmann, August 2009.
192 Seiten, Hardcover, 18,95 Euro.
Julia Gaß
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| Hilpoltsteiner Zeitung |
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Große Leidenschaft
Ein origineller Beitrag aus der von Bertelsmann herausgegebenen Edition Elke Heidenreich ist Günther Freitags Roman «Brendels Fantasie». Fabrikant Höller sieht das Ende nahen und hat nur einen einzigen Wunsch, dem er alles andere unterordnet: Alfred Brendel soll für ihn Schuberts «Wandererfantasie» spielen. Dafür verlässt er Frau und Firma und errichtet in einem Kaff in der Toskana einen Konzertsaal. Ein Panoptikum skurriler Gestalten!
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| BWD9 |
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Brendels Fantasie
Weil Höller, der Protagonist des Romans, bald sterben wird, will er sich endlich seinen größten Traum verwirklichen: Er lässt alles hinter sich und bricht in die Toskana auf. Dort soll Alfred Brendel für ihn die endgültige Interpretation von Schuberts „Wanderfantasie“ spielen. Die fulminante Schilderung einer Obsession – subtil, komisch und stilistisch meisterhaft erzählt.
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| Pfalz Bote |
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Musikalische Fantasmen
Schon Arthur Schopenhauer sah in der Musik die höchste aller Kunstformen, weil sie die Möglichkeit eröffne, den vom Leid gezeichneten Menschen aus dessen tristen Alltag zu entfliehen. Wenn sie das Individuum aus den Ketten des irdischen Daseins reißt, enthebt sie ihn in einen schier unendlichen Kosmos träumerischer Sehnsüchte. Dass die Musik nicht zuletzt sogar lebenserhaltende Wirkung besitzt, wird in Günther Freitags neustem Roman „Brendels Fantasie“ vorgeführt: Trotz anhaltender Ehemüdigkeit und diagnostiziertem Hirntumor im Endstadium wird der ehemalige Fabrikant Höller des Lebens nicht überdrüssig. Anstatt sich der Welt zu entsagen, flieht er geradezu ehrgeizig in die Lebensbejahung. Einzig der realitätsferne Traum, Schuberts „Wandererfantasie“ mit dem Pianisten Alfred Brendel einmal auf großer Bühne zu inszenieren, treibt ihn unermüdlich an. Höller ist überzeugt: „Die Musik würde den Druck in seinem Kopf auflösen“ und sucht sich ein kleines, italienisches Dorf als Aufführungsort aus. Enttäuscht vom blinden Karriereglauben des Sohnes und der Langeweile in der Beziehung zu seiner Frau, verfolgt er ausschließlich seinen utopischen Plan. Allein dieser sich ständig verfestigende Plan zählt. Doch die äußeren Widerstände entpuppen dessen Passion bald als kulminierenden Wahn. Am Ende scheint Höllers grenzenlos neurotische Leidenschaft alles zu überblenden. Der Abgrund ist tragisch vorgezeichnet. Obwohl Elke Heidenreich mit ihrer neuen Edition zum Thema Musik und Literatur, in der auch Günther Freitags Roman erscheint, um einen Dialog und ein Hinübergreifen der Kunstarten bemüht ist, unterliegt die Geschichte über den leidenschaftlichen Musikliebhaber der melodischen Blässe. Die literarische Botschaft über die vitalisierende Kraft von Musik mag noch erhaben sein. Gleichwohl bleibt der Sprachstil unter der Oberfläche des Konventionellen.
BJÖRN HAYER
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| Wiener Kaffeehaus Feuilleton |
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Günther Freitag: "Brendels Fantasie"
Nach Armin Thurnher mit »Der Übergänger« hat nunmehr der Vorarlberger Günther Freitag einen Roman über Alfred Brendel geschrieben, den Jahrhundertpianisten, der sich Ende 2008 vom Konzertpodium verabschiedet hat. Er nennt ihn »Brendels Fantasie«. Und eigentlich ist auch schon dieser Titel das einzige am Roman, was mit Alfred Brendel zu tun hat, folgt man Joachim Reiber in der »Presse«.
Erzählt wird – in bernhardscher Manier – die »Geschichte einer Obsession«. Der sterbenskranke Fabrikant Höller wünscht sich von Alfred Brendel die »endgültige Interpretation« der Schubert’schen Wanderfantasie, wofür er in der Toskana eigens einen Aufführungsort geschaffen hat. Doch Alfred Brendel folgt der Einladung Höllers nicht. »›Brendels Fantasie‹ ist nicht die Fantasie, die Brendel hegt und auch nicht jene, die er spielt, sondern einzig und allein jene einer tragikomischen Romangestalt.«
Erschienen ist dieser Roman in der Edition Elke Heidenreich bei Bertelsmann. Die bekannte Literaturkritikerin hat ihren Namen als Reihenherausgeberin für ihre Leidenschaft der Verbindung von »Musik und Bücher« geliehen. Nur dass eben nach der Ansicht des Rezensenten der zugegeben »gut erzählte« Roman nichts mit Musik zu tun hat. »Es ist ein Leichtes, den Namen Brendel auf einen Buchdeckel zu drucken. Aber die Musik zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, das ist und bleibt verdammt schwer.« (lmv)
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| Die Federleserin - Brüssel |
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Günther Freitag, Brendels Fantasie
Ein an einem Hirntumor erkrankter Mann wandelt durch seine letzten Lebensmonate wie Don Quijote durch Traum, Wunsch und Wirklichkeit. Der Leser wird mitten in seine Verwirrung katapultiert, Familie oder Freunde bleiben schemenhaft. Auch Zusammenhänge, Beweggründe, Erklärungen sucht man vergeblich. Das Fühlen allein zählt - und die Gewissheit, dass der Tod allem ein Ende setzt.
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| Süddeutsche
Zeitung |
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Wo du nicht bist, ist das Glück
Der Tod und die Musik: Günther Freitags Roman „Brendels
Fantasie”
Vor etwa einem Jahr erklärte der Pianist Alfred Brendel
seinen Abschied vom Konzertpodium. Obgleich Brendel ihn
in Interviews nonchalant, ja geradezu heiter zu erläutern
wusste, hat sein Entschluss manchen, der Musik liebt,
traurig gestimmt – denn Brendel war, wie sich nun
nur noch an Aufnahmen nachvollziehen lässt, als Pianist
eine Klasse für sich. So darf dies Ereignis ernst
genommen werden, und Günther Freitag hat den schönen
Einfall gehabt, eine Geschichte daraus zu machen. Es ist
die Geschichte des Fabrikanten Höller. Höller
ist sich darüber im Klaren, dass er nur noch ein
kurzes Leben vor sich hat. Doch dies kurze Leben soll
ihm noch einen Wunsch abgelten: die definitive Aufführung
der Klavierfantasie in C-Dur D. 760 von Franz Schubert,
der Wandererfantasie, für ihn gespielt von Alfred
Brendel. Dies Vorhaben, und damit die Idee künstlerischer
Vollkommenheit, sucht Höller gegen seine Familie
durchzusetzen; immerhin hat er von Rechts wegen Zugriff
auf deren wichtigstes Besitzstück: er verkauft seine
Fabrik.
Von nun an treibt Höller nur noch das Brendel-Schubert-Projekt
– es treibt ihn, während er es in der Toskana
betreibt. Für die perfekte Interpretation soll ein
neuer Konzertsaal entstehen. Alle praktischen Ambitionen
aber treten in den Dienst einer intensiven Imagination.
Höller fantasiert Brendel – „Mit geschlossenen
Augen liegt er auf der Couch und stellt sich Brendel am
Flügel vor” –; insofern tut sich unter
Freitags Romantitel ein doppelter Boden auf. Es bleibt
bei der Fantasie – nicht der Schuberts, sondern
der Höllers: am Ende kommt ihm der Zeitungsartikel
in die Hände – Brendel wird nicht mehr spielen.
Oder wäre das nicht gerade Schuberts Fantasie? Denn
der letzte Vers von Schmidt von Lübecks Gedicht „Der
Wanderer” lautet ja: „Da, wo du nicht bist,
ist das Glück”. Es ist ein Glück, das
im Tod von Unglück nicht mehr zu unterscheiden wäre.
Günther Freitag hat eine Geschichte erfunden, die
einen Roman tragen könnte. Das ist viel. Genug ist
es nicht. Diese Geschichte, im Horizont des Todes, hätte
einer lakonischen Sprache bedurft, in der Dinge und Situationen
für sich sprechen und der Erzähler hinter sie
zurücktritt. Diese Sprache hat Freitag nicht gefunden,
und wohl nicht einmal gesucht. Statt die Dinge schlicht
zu schildern, wie sie sind, meint er dem Leser Urteile
aufdrängen zu müssen. So beginnt es auf der
ersten Seite – „kitschige Aquarelle”,
„Laden, dessen Auslage vollgestopft ist mit ekelhaft
geschmacklosen Keramiken” –, und so hält
es sich durch, bis zum letzten Satz: „eine unheimliche
Stille”.
Freitag beherrscht nicht die Kunst, eine Stille so Sprache
werden zu lassen, dass dem Leser unheimlich wird. Er kann
Leser lediglich informieren, dass eine Stille „unheimlich”
war. Bloß mitzuteilen, etwas sei „ekelhaft”
gewesen, ist erzählerisch schwach. So legt sich Geschwätz
über Schuberts Klavierton, einen Ton am Rande des
Verstummens.
Andreas Dorschel |
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