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.: Piazza.Trieste - Rezensionen
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Gebundene Ausgabe: 295 Seiten
Verlag: Wieser (5. Oktober 2006)
ISBN-10: 3851296044
ISBN-13: 978-3851296044
Größe: 19,2 x 12,6 x 2,8 cm
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Die Gespenster auf der Piazza Trieste
Triest ist eine Stadt in unserer Nachbarschaft, die
alle zu kennen glauben, die aber kaum einer als das kennt,
was sie auch ist: als ein Treffpunkt von Gespenstern.
Das sieht auch der aus Vorarlberg stammende und in Leoben
lebende Schriftsteller Günther Freitag: In seinem
Roman "Piazza Trieste" (erschienen im Wieser
Verlag) erzählt er von den aberwitzigen Versuchen
des Historikers Reinhard Korda, in der Wissenschaft Fuß
zu fassen und sich seiner übermächtigen Mutter
zu entziehen. Dabei erscheinen Korda die diversen, regelmäßig
in Triest auftretenden Gespenster Maria Theresia, der
unglückselige, als Kurzzeitkaiser in Mexiko zu Tode
gekommene Erzherzog Maximilian, der Dichter Umberto Saba
und, kurioserweise, weil noch überaus lebend, der
Schriftsteller und Historiker Claudio Magris. |
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Eine Flucht nach Triest
Der gebürtige
Feldkircher Autor Günther Freitag liest heute im
Foyer des Kornmarkttheaters aus seinem aktuellen Roman
"Piazza.Trieste".
VON BRIGITTE KOMPATSCHER
Er ist auf der Flucht, der österreichische Historiker
Reinhard Korda, der, nach desaströsen Aufenthalten
in Würzburg und auf einer Insel, mittlerweile in
Triest angelangt, dem Nachtportier seines Hotels mitten
in der Nacht aus seinem Leben erzählt - in Brocken,
unzusammenhängend, hastig.
In "Piazza.Trieste", seinem aktuellen Roman,
zeichnet der 1952 in Feldkirch geborene und seit langem
in der Steiermark lebende Günther Freitag das nicht
unspannende Psychogramm eines Mannes, der als das unfähige
Produkt der zerstörerischen Allmacht seiner Mutter
dargestellt wird, ständig auf der (vergeblichen)
Flucht vor ihr, vor ihm selber und wohl vor dem ganzen
Leben ist. Es gelingt ihm nicht, beruflich Fuß zu
fassen, es gelingt ihm nicht, sein finanzielles Überleben
ohne den Scheck der Mutter zu sichern, es gelingt ihm
nicht, trotz vieler Kilometer räumlicher Distanz
(sie ist in Wien, um sich um ihre geerbten Hernalser Mietshäuser
zu kümmern, von denen die beiden leben), eine emotionale
Trennung zu vollziehen, ihren alles überlagernden
und vereinnahmenden Schatten abzuwerfen. Vielmehr begleiten
ihn seine Kindheits- und Jugenderlebnisse oder vielmehr
Traumata bis in die Gegenwart, bleibt das einstige Außenseitertum
durch die Jahrzehnte sein ständiger Begleiter, ist
die Mutter permanent omnipräsent.
In diesem seelischen Kosmos bzw. Gefängnis bewegt
sich Korda durch Triest, zieht, als er kein Geld mehr
hat, beim Nachtportier und dessen Mutter, einer ehemaligen
Partisanin ein, lernt die Schwestern eines berühmten
Autors und Senators kennen (dessen Züge an Claudio
Magris erinnern) und erlebt die Ausbreitung der dicken
österreichischen Kaufhauskönigin Marie-Thérès
(auch hier dürfte der Namen nicht zufällig gewählt
sein).
Günther Freitag entwirft in "Piazza.Trieste"
ein buntes Kaleidoskop kulturgeschichtlicher Splitter
voller surrealer und satirischer Momente und stellt eine
Unmenge an Bezügen her - manchmal auch ein wenig
zu viel des Guten, sodass die an sich handlungsarme Geschichte
teilweise überladen und überfrachtet wirkt.
Dennoch verfolgt man recht gespannt den Weg dieses Mannes,
dem das Versagen immanent zu sein scheint. Bis zum endgültigen
Scheitern aber passieren einige skurrile Dinge, die einer
gwissen Komik nicht entbehren.
Lesung Günther Freitag: "Piazza.Trieste."
Heute, 20 Uhr, Foyer Kornmarkttheater Bregenz.
Günther Freitag: Piazza. Trieste. Wieser Verlag
2006, 296 Seiten, 18.80 Euro. |
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Was sagt die Mama denn dazu? Ganz
schön in die Klemme setzt der Vorarlberger Günther
Freitag seine Helden. Reinhard Korda ist Historiker
und ein Muttersöhnchen. Das
zwar wider Willen, was nicht viel an der Tatsache ändert,
dass von einem bereits erfolgten Lösungsprozess kein
Wort verloren werden kann. Und diesen relativ erfolglosen
Durchschnittsmenschen steckt der Feldkircher Autor Günther
Freitag nun in seinem aktuellen Roman " Piazza Trieste"
in ein derartiges Geschichts- und Kulturenchaos, dass
an ein Happy End gar nicht zu denken ist. In der Patsche
Reinhard Korda ist Historiker, hat seine Antrittsvorlesung
an der
Würzburger Universität nach allen Regeln der
Kunst versemmelt, ist nach Triest gereist, hält hier
den streunenden Hunden und Katzen Vorträge über
das Diadochenreich und textet mehr oder weniger wachen
Nachtportieren die Ohren zu. Und dann ist da noch die
Mutter.
Günther Freitag schickt seinen " Helden"
durch so einige Schlamassel. Immer mehr aber entpuppt
er sich dabei als der Mensch, dem der Anzug seiner Wunschvorstellungen
eine Nummer zu groß ist. Von Mutterfiguren verfolgt,
werden Kordas Schwächen immer sichtbarer, bis dies
schließlich in der Weigerung gipfelt, sich mit und
in der Realität zu arrangieren. So wird die Vergangenheit
zur Gegenwart, die Toten zu Lebenden.
Hintergründig
Noch eines: Günther Freitag stellt seinen Roman
in ein literarisches Netzwerk. Was für Kafka der
Vater, ist Freitags Korda die Mutter. Nicht umsonst lässt
Freitag Korda einen " Brief an die Mutter" schreiben.
" Piazza Trieste" ist ein grotesker Roman,
dessen Humor über
kleinere Schwächen hinwegsehen lässt. Und übrigens,
wer Günther Freitag live erleben will, der sollte
sich am 7. März im Bregenzer
Kornmarkttheater einfinden.
Günther Freitag: "Piazza Trieste", Wieser
Verlag, Klagenfurt 2006; Günther Freitag liest am
7. März, 20 Uhr, im Foyer des
Kornmarkttheaters Bregenz aus seinem neuen Roman.
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Köstliche Schwächen
Günther Freitag erzählt
die Triester Erlebnisse eines Versagers.
Unwillkürlich werden die Leserin
und der Leser an Thomas Bernhard erinnert. In drei Romanen
("Das Kalkwerk","Korrektur" und
"Beton") schildert jener den vergeblichen
Versuch eines "Geistesmenschen" eine Studie
niederzuschreiben. Wie bei Bernhard wird in Günther
Freitags "Piazza. Trieste" in indirekter Rede
erzählt. Die zentrale Figur des Romans, ein slowenischer
Nachtportier im ersten Hotel am Platz, berichtet die
Geschichte seines Versagens. Er ergeht sich nicht in
Wien-, sondern Würzburg-Beschimpfungen, wehrt sich
verzweifelt gegen den Wunsch seiner hausbacken- dominanten
Mutter, die Verwaltung der Hernalser Miethäuser
zu übernehmen und die Geschichte Geschichte sein
zu lassen. Freilich ist Günther Freitag nicht Thomas
Bernhard und sein Anti-Held Reinhard Korda kein "Geistesmensch".
Korda landet nach einem Desaster von
Antrittsvorlesung in Würzburg und dem "korfiotischen
Chaos", wo er seinen Vortrag vor wilden Katzen
und streunenden Hunden übt, ihm aber die Universität
abhanden kommt, in Triest, wo er hofft, noch einmal
Fuß fassen zu können. In zunehmender Verzweiflung
und Verwirrung begegnet er mit de Hafenstadt verbundenen
historischen Persönlichkeiten, zumeist Schriftstellern.
Nichts als Lächerlichkeit
Souverän lässt Freitag ein
Netz an Intertextualität entstehen, in dem neben
den italienischen Autoren Roberto Bazlen, Ermanno Cavazzoni,
Roberto Cotroneo, Umberto Saba und Alberto Savinio vor
allem Claudio Magris und Franz Kafka eine wichtige Rolle
spielen. Köstlich, wie die fiktive Magris-Schwester
Claudia (bei Paul Esterházy das alter ego Claudios)
Reinhard Korda in den Galaanzug des berühmten Professors
steckt, in dem seine Schwächen erst recht zum Ausdruck
kommen. Immer wieder probiert er Kontakt zur Universität
zu bekommen, geht er ein mögliches Vorstellungsgespräch
durch, versucht er seine Vorlesung über die Diadochenkämpfe
zu verbessern. Von all diesen Versuchen bleibt nichts
als Lächerlichkeit.
Aus dem Hotel vor den Nachforschungen
der Mutter, auf deren Geld er angewiesen ist, in die
winzige Wohnung des Nachtportiers geflohen, wird er
hier durch dessen nicht weniger dominante Mutter, die
durch die Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges
schwerst traumatisiert wurde, mit der maßlosen
Grausamkeit der jüngeren Geschichte konfrontiert.
Allerdings verbindet ihn mit dieser
Frau die Unfähigkeit, sich in der Realität
zu arrangieren, oder anders gesagt die Fähigkeit,
verstorbene Personen als Lebende zu treffen. Eine Gruppe
rechtsradikaler Jugendlicher verdeutlicht, dass Totes
(oder Totgewünschtes) recht lebendig in der Gegenwartsrealität
Platz hat.
Brief an die Mutter
Höhepunkt der Groteske ist das
Projekt "Teatro dei Gatto", bei dem er sich
für den nicht künstlerischen Bereich zuständig
fühlt, und für das er noch einmal die Unterstützung
der Mutter braucht. Er schreibt einen "Brief an
die Mutter" (der wörtlich Kafkas berühmtem
Vaterbrief folgt). "Nach den Enttäuschungen
mit der Geschichte hat er durch Zufall eine neue Aufgabe
gefunden, in die er sich mit aller Kraft gestürzt
hat. Das hätte die Mutter doch aus seinem Brief
herauslesen können [...] Aber für sie zählen
bloß die Hernalser Häuser, zu denen vielleicht
noch weitere in der Donaustadt dazugekommen sind."
Nichts zu grotesk
Piazza. Trieste offenbart einen Autor,
dem nichts zu grotesk ist, und der einen Humor zur Verfügung
hat, der den Lesern auch über einzelne schwächere
Passagen hinweghilft. Das Lektorat hätte vielleicht
die Anlehnung an Bernhard etwas entschärfen sollen,
allerdings entschädigen einzelne Abschnitte, etwa
die subtilen Variationen über Zeitungsberichte,
die wirklich gelungen sind, für die allzu plakativen
Bernhard-Modifikationen.
Die Furche 46/2006, Helmut Sturm
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