Geschrieben

Irre Läufer

November 2025
EUR 21,00
220 Seiten

Im Jahr 2005 entwickelte der Maler Georg Baselitz einen neuen Stil, der als Remix bekannt wurde. Er malte einen Teil seines Œuvres neu, um herauszufinden, ob sich sein Werk als Ganzes wiederholen lässt. Dabei sollten die alten Werke nicht kopiert, sondern in eine neue Epoche und Formelsprache übertragen werden. In den Remix-Storys wird dieser Ansatz auf literarische Vorlagen übertragen. Ausgangspunkte sind Ermanno Cavazzonis Kurze Lebensläufe der Idioten, R. P. Arlatis Dies unbeschreiblich helle Licht im Fenster, Ilse Aichingers Spiegelgeschichte und Giorgio Manganellis Irrläufe. Hundert Romane in Pillenform. Von großen Gefühlen am Rand der Lächerlichkeit und unerreichbaren Zielen, von kleinen Niederlagen und vom Scheitern handeln die Texte, wenn sie sich auf die Suche nach dem Ungewöhnlichen im Alltäglichen begeben.

Format: Hardcover
ISBN: 978-3-99029-693-6

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Berichte

Inhalt des Toggles hier rein

Günther Freitag sucht das Ungewöhnliche im Alltäglichen

Vom Leobener Autor Günther Freitag ist im Wieser-Verlag ein neues Buch erschienen. „Irre Läufer“ ist ein Remix-Roman, Ausgangspunkte sind literarische Vorlagen bekannter europäischer Literaten.

LEOBEN. Im exakten Zwei-Jahres-Rhythmus veröffentlicht der Leobener Autor Günther Freitag seine Romane. Sein neuestes Werk „Irre Läufer“ – erschienen im Klagenfurter Wieser Verlag – bezeichnet er als „Remix Storys“.

„Die Geschichte ist insofern anders, dass sie kein Roman ist, sondern eine Sammlung von kürzeren Texten. Ausgehend von dem Gedanken, auf dem mich der Maler Georg Baselitz gebracht hat, ein sehr bekannter deutscher Maler. Er hat begonnen, eine Remix-Serie zu malen, in der er sein eigenes Oeuvre neu erfunden hat. Und ich habe literarische Vorlagen hergenommen – mit Anfangssätzen – und diese Texte neu geschrieben. Was insofern interessant war, weil es die Fantasie gefordert hat, etwas ganz anderes daraus zu machen, als der ursprüngliche Text es dargestellt hat“, erklärt Günther Freitag

Die Vorlagen sind zum Teil aus dem Italienischen von Giorgio Manganelli, aus dessen Kultroman „Irrläufe“. Das hat Freitag auch zum Titel seines neuen Buches „Irre Läufer“ inspiriert.

Geschichte wird zurückerzählt

Weitere Ausgangspunkte für Günther Freitags „Remix Storys“ sind Ermanno Cavazzonis „Kurze Lebensläufe der Idioten“, R. P. Arlatis „Dies unbeschreibliche helle Licht im Fenster“ sowie Ilse Aichingers „Spiegelgeschichte“.

Darin wird vom Tod an zurückerzählt, daher Spiegelgeschichte. „Ich habe das Gleiche gemacht mit einer sehr persönlichen Geschichte eines befreundeten Arztes, dessen Gattin an einer Krebserkrankung gestorben ist. Diese Krankengeschichte wird zurückerzählt, ins Leben hinein“, sagt Freitag.

Von Cavazzonis Roman hat Günther Freitag bereits vor einigen Jahren Variationen für ein Buch verwendet, das die EU zur Einführung des Euro herausgegeben hat. „Man aus allen Ländern, in denen der Euro eingeführt wurde, einen Text genommen, und ich hatte das Glück, dass meine Cavazzoni-Variationen zum Teil dafür ausgewählt wurden“, berichtet Freitag.

Ungewöhnlich erzählte Kurzprosa

Von großen Gefühlen am Rand der Lächerlichkeit und unerreichbaren Zielen, von kleinen Niederlagen und vom Scheitern handeln die Texte, wenn sie sich auf die Suche nach dem Ungewöhnlichen im Alltäglichen begeben.

Günther Freitags Werke sind keine klassische Spannungsliteratur, die Sprache ist poetisch, mitunter sogar schräg. Es sind Texte, die eher reflektierend als handlungsgetrieben sind. In „Irre Läufer“ ist es mitunter experimentelle oder ungewöhnlich erzählte Kurzprosa.

Günther Freitags Themenschatz

„Man hat seine Themen, man hat seine Lieblingsfiguren, die wird man ein Leben lang nicht los. Mein erstes Buch ist vor mittlerweile 41 Jahren erschienen. Das heißt, wenn man so lange als Autor arbeitet, dann ist man irgendwo auch schon in einen Formelschatz, in einen Themenschatz eingebettet, den man ungern verlassen würde. Es ist krankhaft, nach etwas zu suchen, was möglicherweise aktuell ist, das wäre lächerlich und würde ja auch nichts bringen“, sagt Günter Freitag mit großer Überzeugung.

Mainstream oder Randliteratur

Angesprochen auf das abnehmende Interesse für Literatur im deutschsprachigen Raum wird Freitag nachdenklich: „Die Literatur, wie die Kunst generell, wird wenig verändern. Sie wird bei manchen Leuten, die ohnedies dafür empfänglich sind, das Bewusstsein vielleicht sensibilisieren. Aber grundsätzlich geht keine Wirkung von ihr aus.“

Wie wird die Literatur in zehn Jahren aussehen? Günther Freitag: „Dort, wo sie heute ist. Sie wird sich den Themen und den Formen anpassen. Die Vermarktungsindustrie wird immer Bestseller-Autoren finden, die den Verlagen Geld einspielen. Die nicht so gängige Randliteratur, die den Mainstream nicht bedient, wird immer mehr Boden verlieren. Das ist ganz klar vorgezeichnet.“

Buchtipp:

Günther Freitag: Irre Läufer

Remix-Storys

220 Seiten, 21 Euro

Wieser-Verlag

ISBN 978-3-99029-693-6

Quelle

Den Wald vor lauter Bäumen …

(Herbst 2023)

ca. 250 Seiten, gebunden, Lesebändchen
EUR 24,00

Oskar, der im Süden Europas eine Autobahnbaustelle leitet, kämpft in einer fremden Welt aus unbekannten Regeln und mafiösen Verstrickungen gegen drohende Rückschläge. Nur schwer findet er sich in dieser Auseinandersetzung zurecht, nicht zuletzt deshalb, weil sich das Jugendstilhotel in einem Alpental, Kindheitsgefängnis für den Bruder und ihn, nicht abschütteln lässt. Der autoritäre Großvater drängt sich über seinen Tod hinaus in die Köpfe jener, die er zu Lebzeiten tyrannisch unterworfen hat.

Wie in einem Wimmelbuch erscheinen, jede Chronologie missachtend, Figuren auf der Bühne des Grandhotels und im Alltag des Erzählers, verbunden durch seine Erinnerungen und Gedanken. Welche der Geschichten sind erlebt und welche Einbildung? Hat sich Rudolf Buchbinder im Talschluss auf eine Konzertreise vorbereitet und Camilla Nylund in der Abgeschiedenheit ihre Stimme kuriert? Und zu welchem Ergebnis gelangen die soziometeorologischen Studien eines Schweizer Linguisten, falls diese tatsächlich jemals durchgeführt wurden?

Oskar?
David?
Warum überrascht uns beide nach seinem Anruf mit der Nachricht vom Tod unseres Vaters,
dem Bruder gegenüberzustehen?
Jahre haben wir uns nicht gesehen,
keiner hat den anderen vermisst oder jemals versucht, das zu ändern.
David kennt immerhin meinen Beruf, ich weiß nicht einmal, wovon er lebt,
nachdem das Hotel offenbar schon lange geschlossen hat.

ISBN-13: 978-3-99029-589-2

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Rezensionen

Der eine ist ein hochbegabter Musiker. Der andere baut Autobahnen und gerät in mafiöse Verstrickungen. Es ist die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die Günther Freitag in seinem jüngsten Buch „Den Wald vor lauter Bäumen …“  zwischen Realität und Fiktion, zwischen Süditalien und einem Grandhotel in den Alpen aufspannt. Wie er das tut ist kurzweilig und turbulent, verwirrend, verrückt und nicht chronologisch erzählt, ein sich immer schneller drehendes „Gedankenkarussell“, wie der Autor sagt. Welche Geschichten davon erlebt und welche eingebildet sind, ist eigentlich egal – der Lesespaß zählt.
(Übrigens: Am 6. Februar, 19 Uhr, lesen der Steirer Günther Freitag und der Kärntner Egyd Gstättner im Literaturhaus Graz.)

Günther Freitag. Den Wald vor lauter Bäumen … Wieser Verlag. 250 Seiten, 24 Euro

Berichte

Günther Freitag: Ein Gedankenkarussell auf 250 Seiten

„Den Wald vor lauter Bäumen…“: So lautet der Titel des neuen Buches von Günther Freitag, das im Wieser Verlag erschienen ist.

LEOBEN. Das lange Warten hat sich gelohnt: Der Leobener Autor Günther Freitag hat im Wieser Verlag ein neues Buch veröffentlicht – der Titel „Den Wald vor lauter Bäumen“. Die Lektüre wird zu einem fesselnden Erlebnis, es gilt allerdings ein nicht enden wollendes Gedankenkarussell zwischen Realität und Fiktion zu entwirren.
Um Schuld und Versagens-Ängste dreht sich Günther Freitags neuer Roman, in dem er ein höchst ungleiches Brüderpaar vor den Vorhang holt.

Erinnerungspuzzle eines Scheiternden

Oskar, der im Süden Europa eine Autobahnbaustelle leitet, kämpft in einer fremden Welt aus unbekannten Regeln und mafiösen Verstrickungen gegen drohende Rückschläge. Nur schwer findet er sich in dieser Auseinandersetzung zurecht, nicht zuletzt deshalb, weil sich das Jugendstilhotel in einem Alpental, Kindheitsgefängnis für den Bruder und ihn, nicht abschütteln lässt. Der autoritäre Großvater drängt sich über seinen Tod hinaus in die Köpfe jener, die er zu Lebzeiten tyrannisch unterworfen hat.

Fluchtbewegung aus der Realität

Dubiose Vorgänge auf der Baustelle, tief am Stiefelabsatz Italiens gelegen, flößen dem Protagonisten Oskar Angst ein und bringen seine Erinnerungen in Gang. „In einer Art Wimmelbuch-Roman sollen Figuren und Erinnerungssplitter auftauchen, ohne den Zwang jeglicher zeitlich linearen Abfolge“, so Freitag im Interview mit dem Radiosender Ö1.
Günther Freitags Bücher sind keine belehrenden Lebensweisheiten, sie eröffnen aber eine Fluchtbewegung aus der düsteren Realität, angesichts aktueller Kriege und politischer Auseinandersetzungen.

Die Vielfalt der Kunst

Glücklicherweise werde in Österreich Kunst nicht ausschließlich nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt, ist Freitag überzeugt: „Der Staat lässt sich die Kunst etwas kosten, ihre Vielfalt ist ihm etwas wert. Das ermöglicht beispielsweise in der Literatur eine Vielfalt, die auch nicht so bekannten Autorinnen und Autorinnen die Möglichkeit zur Publikation ihrer Werke gibt. Ohne die wirklich gut funktionierende Förderung wäre das in dieser Form nicht möglich.“

Buchtipp

Günther Freitag: „Den Wald vor lauter Bäumen…“
Dem bekannten Sprichwort entsprechend sehen die Figuren des Buches mehr als nur einmal den Wald vor lauter Bäumen nicht, wenn sich die nicht abzuschüttelnde, eigene Vergangenheit mit einer fremden Welt voller unbekannter Regeln tangiert.
Wieser Verlag, 250 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-99029-589-2

Bacons Schatten

ca. 280 Seiten, gebunden, Lesebändchen
EUR 21,00

Ein Paar, wie es unterschiedlicher kaum sein könnte: ein Maler, der nicht länger malt, weil seine Bilder wie Francis-Bacon-Kopien wirken, und eine junge Bankerin am Anfang ihrer Laufbahn. Wie sollte ich einer karrieresüchtigen Fondsmanagerin klarmachen, dass ich nicht malte, weil mir nach wenigen Pinselstrichen Bacon in die Quere kam. Dann kroch er in meinen Kopf und führte die Hand. Zwei Lebensentwürfe treffen aufeinander, denen jede Schnittmenge fehlt.

Erzählt wird die Anatomie einer Trennung, auch von erfolglosen Versuchen, den Bruch wenn schon nicht zu verhindern, so doch hinauszuzögern, ist die Rede. Während Marie von einem raschen Aufstieg träumt, schwankt das Roman-Ich im Kreis skurriler Figuren zwischen Apathie und Selbstmitleid. Ob die alte Klavierlehrerin, die bis zu ihrem Unfall als Wunderkind galt und trotz ihrer Krüppelhand die Revolutionsetüde perfekt spielt, den Anstoß zu einem Neubeginn gibt

Rezensionen

Neuer Roman von Günther Freitag

Zwei Jahre nach „Mahlers Taktstock“ erscheint im Oktober im Wieser Verlag der neue Roman des Leobener Schriftstellers und Kulturpreisträgers Günther Freitag. „Bacons Schatten“ handelt von einem Paar, wie es unterschiedlicher kaum sein könnte: ein Maler, der nicht länger malt, weil seine Bilder wie Francis-Bacon-Kopien wirken, und eine junge Bankerin am Anfang ihrer Laufbahn. Wie sollte ich einer karrieresüchtigen Fondsmanagerin klarmachen, dass ich nicht malte, weil mir nach wenigen Pinselstrichen Bacon in die Quere kam. Dann kroch er in meinen Kopf und führte die Hand. Zwei Lebensentwürfe treffen aufeinander, denen jede Schnittmenge fehlt. Erzählt wird die Anatomie einer Trennung, auch von erfolglosen Versuchen, den Bruch, wenn schon nicht zu verhindern, so doch hinauszuzögern, ist die Rede.

Berichte

Mahlers Taktstock

(August 2019)

Konrad bricht wegen dieser Anfälle, für die es keine medizinische Erklärung gibt, ein Klavierstudium ab und will die Dirigentenlaufbahn einschlagen. Als schwarzes Schaf der Familie vertieft er sich mit der Besessenheit des Außenseiters in die Sinfonien Gustav Mahlers und scheitert, weil er sich immer stärker aus der Realität in eine Scheinwelt zurückzieht, sowohl in Wien als auch in Berlin. Das können weder seine Tante, vom Vater als Häkelkünstlerin verspottet, noch ein entlassener Hauswart der Musikhochschule verhindern, der ihm jenen Taktstock Gustav Mahlers besorgen will, den Alban Berg aus dem Künstlerzimmer des Dirigenten entwendet hat.

Als er wegen seines Niesens alle Klavierschüler verliert, muss er sich nach einer Beschäftigung abseits der Musik umsehen.

Obwohl niemand in der Familie darunter litt oder gelitten hatte, wie ich am Schluss mühsamer Nachforschungen herausfand, quälten mich Allergien, die überfallsartig Sturzbäche klebriger Tränen über meine Lider strömen ließen und den Brustkorb in nicht enden wollenden Niesattacken erschütterten.

Gebundenes Buch mit Lesenbändchen: 200 Seiten
Verlag: Wieser Verlag
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe
ISBN-13: 978-3-99029-357-7

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Rezensionen

Günther Freitag: Mahlers Taktstock

Von einem, der auszog, das Gruseln zu lehren… Konrad möchte gerne Dirigent werden. (Eigentlich wollte er Pianist werden, aber er ist Allergiker, und seine häufigen Niesattacken bewogen ihn dazu umzusatteln.) Zu Beginn des Romans treffen wir ihn, wie er gerade von Wien nach Berlin umgezogen ist, um an der Berliner Universität seine entsprechende Ausbildung weiter zu führen. Wir begleiten ihn auf seinen Streifzügen durch die Stadt, während er auf die Antwort auf sein Zulassungsgesuch wartet. Er wird nie eine erhalten, und das Geld geht ihm aus. Am Ende des Romans arbeitet er in einem Zoofachgeschäft, wo er Regale auffüllt.

So zusammengefasst, klingt die Geschichte banal. Aber bei diesem Roman von Günther Freitag ist das ‘Skelett’ der Story, wenn ich so sagen darf, zweitrangig. Nicht was der Ich-Erzähler Konrad erzählt ist wichtig, sondern wie er es erzählt. Denn die Welt, in der Konrad lebt, ist voller mehr oder weniger seltsamen Gestalten. Sein Professor in Wien hat mit den Studenten nicht Partituren durchgenommen – für ihn war es wichtig, mit welcher Frisur und welchen Schuhen der Dirigent den Orchestergraben betritt. Und da es vom Wort „Orchestergraben“ nicht weit zum „Grabenkampf“ ist, sollte der Student auch wissen, wie er sich vom Eingang dieses Grabens zu seinem Pult durchzukämpfen hatte. Deshalb verlegte der Professor eine Stunde in den dunklen Abstellraum des Konservatoriums, wo die Studenten sich ohne Licht von der Tür bis zu ihm durchzuschlagen hatten – an diversen abgestellten Flügeln und andern Instrumenten vorbei. Konrad heult bei seinen Niesattacken auch nicht einfach Rotz und Wasser, wie es andere Allergiker zu tun pflegen: Was ihm aus den Augen tränt und aus der Nase fließt, ist ein dicker, zähflüssiger Schleim, vor dem es seiner Umwelt einfach nur ekelt. Ein Dasein als Klavierlehrer wird so sehr schwierig…

Dem Autor erlaubt Konrads skurrile Sicht auf die Welt, eine bissige Satire auf den ‘Kulturbetrieb’ einzuflechten. Beim Versuch, das Berliner Konservatorium zu besuchen – es ist noch Ferienzeit – wird er von einem Hausmeister angehalten. Der hält ihn aber dann für den neuen finnischen Assistenzprofessor und lädt ihn zu sich nach Hause ein. Dort erfährt Konrad von dessen Frau, dass der vermeintliche Hausmeister nur ein Ex-Hausmeister ist. Er wurde nämlich entlassen, weil er einen Diebstahl nicht verhindert, ja vielleicht sogar begünstigt hatte. Um sich bei Konrad wieder lieb Kind zu machen, verspricht der Ex-Hausmeister ihm, jenen Taktstock zu besorgen, den einst Alban Berg dem großen Gustav Mahler stibitzt habe. (Denn Mahler ist Konrads Leibkomponist. Immer und immer wieder studiert er die Partituren zu dessen Symphonien.) Natürlich wird daraus ebenso wenig wie aus Konrads Studium in Berlin.

Auch sonst zeigt sich die ‘Kultur’ von einer merkwürdigen Seite. Da ist Konrads Tante, bei der er in Berlin lebt, weil’s billiger kommt, und die selber eine Art Statuen gestaltet. Es ist ihr gelungen, für eine Vernissage einen ‘Kulturdezernenten’ zu gewinnen. Zwar kann der in seiner Rede ihren Namen nicht einmal richtig vom Blatt ablesen (vielleicht ist er auch da schon falsch geschrieben), aber das ist nicht wichtig. Wichtiger als der Kulturdezernent ist der Journalist, der eine Berichterstattung verspricht. Der Kulturdezernent zieht sich lieber an die Bar des Cafés zurück, in dem die Vernissage stattfindet, um dort bei einem Glas Wein mit einem Kollegen über die Geschwindigkeit ihrer Autos und ihre Qualitäten als Fahrer zu reden. (Mit der Berichterstattung ist es dann auch so eine Sache: Der Bericht ist winzig klein, und der Name der Künstlerin fehlt darin.)

À propos Familie: Sie besteht aus Konrads Vater, einem ziemlich erfolgreichen Rechtsanwalt, seiner Mutter und seinen beiden Schwestern. Der Vater hat seinen Sohn schon längst abgeschrieben. Der musisch Veranlagte ist das sprichwörtliche schwarze Schaf, mit dem eine Familie zu rechnen hat. Das hindert den Vater nicht daran, seinen Sohn mit Worten herunterzumachen, wo und wann er nur kann. Die Mutter würde zwar zum Sohn halten, ist aber zu schwach, um sich dem Patriarchen entgegen zu stellen. Die beiden Schwestern sind nach dem Vater geraten. Sie haben die Rechte studiert und sind vom Vater als Nachfolgerinnen für seine Anwaltspraxis vorgesehen. Ich weiß nicht, ob Günther Freitag auch mit Konrads Familie groteske Verhältnisse schildern wollte. Diese Familie wirkt auf jeden Fall in der ganzen skurrilen Welt Konrads verblüffend ‘echt’. Es gibt sie, gibt sie zuhauf, diese dysfunktionalen Familien. Ein Vater muss nicht unbedingt physisch gewalttätig werden, verbale Gewalt, wie in Konrads Fall, genügt auch, um einen Menschen kaputt zu machen.

Konrad ist allergisch auf Hundehaare. (Was seine Arbeit in einem Zoofachgeschäft etwas kompliziert macht.) Er ist aber im Grunde genommen allergisch auf die ganze Welt – sobald und sofern sie Ansprüche an ihn stellt und er die Ereignisse nicht unter Kontrolle hat. Und das hat er selten genug. Wir kennen ähnliche groteske Figuren, die sich von den Ansprüchen der Welt bzw. der Väter oder Mütter, zurückziehen, zum Beispiel vom Schweizer Gerold Späth. Unschlecht oder Balzapf sind solche skurrilen Figuren, die sich in eigene, skurrile Welten zurück gezogen haben. Der Unterschied ist genau der: Bei Späth separieren sich die grotesken Gestalten von der übrigen, ‘normalen’ Welt und verkriechen sich in eine eigene. Konrad hingegen stülpt seine groteske Welt der ‘normalen’ Welt über. Das kann auf Dauer nicht gut gehen – denn die ‘normale’ Welt verfügt bei Freitag durchaus über ihren eigenen Überlebenswillen. Es kommt, wie es kommen muss, und die Situation eskaliert. Konrad, im Geschäft von zwei Hunden in die Enge getrieben, wehrt sich handgreiflich.

Erst als ich eine Polizeisirene hörte und kurz darauf vor dem Ladeneingang eine Funkstreife hielt, stellte ich mein Bombardement ein und wusste, ich war gerettet.

Nur einer wie Konrad kann sich für gerettet halten, wenn ihn die Polizei abholt… Es ist schwierig, den grotesken Gestalten und Situationen in Freitags Roman gerecht zu werden. Der Roman liest sich gut und vergnüglich – über weite Strecken eine herrliche Satire auf den Kultur’betrieb’. Den Literaturnobelpreis wird Günther Freitag damit nicht gewinnen. Aber der wird sowieso überschätzt.

Melancholische Billeteure

(August 2017)

Eine Frau zwischen zwei Männern, und doch keine Dreiecksgeschichte im herkömmlichen Sinn. Dora und Edwin, Billeteure im linken Parkett des Burgtheaters, in dem ihrer Meinung nach die wahren Kenner sitzen, sehen ihre Aufgabe nicht darin, die Besucher zu ihren Plätzen zu geleiten, sondern ihnen die Stücke zu erläutern. Während Edwin sich ausschließlich auf die Kunst konzentriert und nur durch seine Mutter mit ihrem neurotischen Papagei gestört wird, führt Dora mit dem Versicherungsagenten Viktor ein Leben neben dem Theater. Die beiden Männer ahnen nichts voneinander; was die Protagonisten verbindet, ist ihre problematische Jugend, geprägt durch Vaterfiguren, autoritär und lächerlich zugleich. Befreit die Kunst sie von ihren Erinnerungen, oder bleibt sie eine Illusion wie die Auftritte der gescheiterten Opernsängerin, der bei ihrem Debüt die Stimme versagte, und die Bemühungen des Bildhauers, dessen Skulptur Weltdummheit von der Realität überholt wird? Ist die Kunst vielleicht nur eine Täuschung, wie für den Juwelier, dem von seinem Vater verboten wurde, sich am Reinhardt-Seminar zu bewerben?

Ein fulminantes Scheitern ja, sagt Maman, ein Dahinvegetieren in der Mittelmäßigkeit nein! Wie oft habe die große Callas eine Vorstellung im letzten Moment abgesagt, selbst beim kleinsten Zweifel habe die sich geweigert aufzutreten, auch wenn sie gewusst habe, sie würde besser sein als die meisten Sängerinnen. Dass ausgerechnet sie auf diesen griechischen Emporkömmling hereingefallen sei, gehöre zu den großen Rätseln der Musikgeschichte.

Gebundenes Buch mit Lesenbändchen: 272 Seiten
Verlag: Wieser Verlag
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe
ISBN-10: 3990292552
ISBN-13: 978-3990292556

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Rezensionen

Bretter, die die Welt bedeuten

Günther Freitags Melancholische Billeteure täuschen sich prächtig

Das Scheitern ist in unserem Kulturkreis nicht besonders gut angeschrieben. Scheitern, das meint Versagen, bedeutet Unfähigkeit, evoziert Probleme und Krisen und legt nahe, dass Fahrlässigkeit im Spiel war – wenn es freundlich zugeht. Geht es unfreundlich zu, kann schon mal das Stichwort Dummheit fallen. Was aber wären wir ohne das Scheitern und das auf ihn folgende Beharren? Wir hätten keine Glühlampen, keinen Harry Potter, wir hätten keinen Kommissar Brenner und Pablo Picasso wäre u.U. Gebrauchsgrafiker geworden. In Günther Freitags Gesamtwerk ist das Scheitern ein stetig anzutreffendes Thema. Gleich wie die Musik eine zentrale Rolle spielt. Von Kopfmusik beginnend über Satz für ein Klangauge hin zu Brendels Fantasie und zur Entführung der Anna Netrebko – Musik und Scheitern allüberall. Es ist eine besondere Form des Scheiterns, der die Charaktere erliegen: Sie scheitern nicht an technischen Rahmenbedingungen, nicht an ökonomischer Unterausgestattetheit und damit verbundener Nicht-Realisierbarkeit von Projekten, sie scheitern an ihren Vorstellungen, an ihren Phantasien, sie scheitern daran, dass die Realität mit der Welt, wie sie ihrer Vorstellung nach zu sein habe, nicht in Übereinklang zu bringen ist. Der Ursprung für diese Diskrepanz ist in den Melancholischen Billeteuren in der Familiengeschichte zu finden: Die autoritären Vaterfiguren, dominant, selbstherrlich, dem Alkohol nicht abgeneigt, bringen Edwin und Dora dazu, sich einer Ersatzwelt zuzuwenden, diesenfalls der szenischen Kunst am Burgtheater. Was als Selbstemanzipation zu einem eigenständigen Leben führen könnte, mündet bei den beiden aber in eine Form der fortwährenden Abhängigkeit. Edwin kümmert sich trotz stetig sich wiederholenden Denunziationen um seine Mutter, der ihr neurotischer Papagei näher steht als der Sohn, Dora führt eine On-Off-Beziehung mit dem hochstaplerischen Versicherungsagenten Viktor. Beide wiederum nehmen sich des Juweliers Schlössheimer an, leidenschaftlicher Theaterbesucher und vom Vater verhinderter Bewerber am Reinhardt-Seminar. Es sind die Bühnenbretter, die den beiden Hauptfiguren die Welt bedeuten. Manches Mal, so möchte man ihnen zurufen, befindet sich eines dieser Bretter aber direkt vor dem eigenen Kopf und verstellt einem so den Blick auf die Welt, wie sie auch sein könnte. Besser wäre es dann, dieses Brett zu nehmen und es als Werkzeug zu nutzen, sich einen neuen Weg zu bahnen, aus der Möglichkeitsform heraus, in die Wirklichkeit hinein. Das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Fiktion ist ein weiterer wesentlicher im Werk des Autors. Günther Freitag ist bekennender Vertreter eines literarischen Ansatzes, der der Phantasie stets das Primat gegenüber der Realität zu geben bereit ist. Die Realität verschränkt sich mit dem Phantastischen, Realitätsgrenzen verschieben sich ins Groteske, Absurde oder Wahnhafte. Interessant dabei ist, dass sich spätestens seit dem Roman Flusswinter die Realität konkret in das Werk Freitags schleicht. Sei es die wirtschaftlich-politische Lage Italiens in Die Mosaike von Ravenna, sei es der ehemalige Bundesminister für Landesverteidigung, Karl Lütgendorf, in den Melancholischen Billeteuren – das Reale heftet sich an das Fiktionale. Erstaunlich ist der dadurch entstehende Effekt: Die eingewobenen historischen Versatzstücke spitzen das Dunkle, Verdrängte aus der Vergangenheit noch weiter zu. Wo die psychisch und physisch gewalttätigen Vaterfiguren des Romans mit historischen Persönlichkeiten kurzgeschlossen werden, entwächst aus dem Düster-Unheimlichen des Fiktionalen der Blick auf die Realität und als Lesender wird man sich bewusst, dass es sich bei dieser um ein noch viel größeres Pandämonium des Monströsen handelt. Über die Jahre hinweg hat Günther Freitags Werk so eine Form angenommen, die es als sehr markantes innerhalb der österreichischen Gegenwartsliteratur ausweisen. Die Melancholischen Billeteure sind das aktuellste Zeugnis dieses Schaffens, in dem sich konsequent eine ganz eigene Sprachmelodie und -welt verdichtet.

Hannes Luxbacher Günther Freitag: Melancholische Billeteure. Wieser: Klagenfurt/Celovec 2017.

Die Entführung der Anna Netrebko

(September 2015)

Günther Freitag verdient es, aus den Winkeln der steiermärkischen Provinz ans Licht einer breiten literarischen Öffentlichkeit geholt zu werden.
Kölner Stadtanzeiger

Die Mutter des Ich-Erzählers, eine erfolgreiche Anwältin, unterdrückt ihren Sohn, in seiner Schwäche ein leichtes Opfer ihrer Machtspiele. Während sie medienwirksame Prozesse führt, muss sich der Ich-Erzähler mit obskuren Klienten abmühen und findet zu keinem eigenen Leben. Auch deshalb nicht, weil ihn seine Fälle immer wieder in die Scheinwelten von Fantasten und notorischen Querulanten ziehen, deren Klagen sie von ihren misslungenen Lebensentwürfen ablenken.

Aufgewachsen ohne Vater und erzogen in Internaten, spielt der Sohn eine lächerliche Rolle in der Kanzlei der opernbesessenen Mutter, die auch sein Sexualleben so lange hemmt, bis er sich selbst auf die Welt der Oper einlässt; er beginnt eine Beziehung mit einer Choristin der Staatsoper, nachdem er Anna Netrebko gehört hat, setzt der Tenorverehrung der Mutter seine Faszination entgegen und vermengt dabei immer stärker die Identität seiner Geliebten mit jener Anna Netrebkos.

Gebundenes Buch mit Lesenbändchen: 200 Seiten
Verlag: Wieser Verlag
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe
ISBN-10: 3990291599
ISBN-13: 978-3990291597

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Rezensionen

Tagtraum. Eine dominante Mutter, ein schwächlicher Sohn: Sie ist Staranwältin, der Sohn ist in ihrer Kanzlei mit obskuren Klienten und Querulanten beschäftigt. Einzig in der Musik glaubt er, ihr ebenbürtig sein zu können – dabei verschwimmen Tagtraum und Wirklichkeit allerdings immer mehr. Ein unterhaltsamer Einblick in familiäre Abhängigkeiten.

Günther Freitag: Die Entführung der Anna Netrebko. Wieser, 260 S., 21 Euro

Café Olympia

(Februar 2013)

Nach dem Roman „Brendels Fantasie“, mit dem Elke Heidenreich ihre Musikbücher-Edition bei C. Bertelsmann begann, versammelt Günther Freitags Prosaband „Café Olympia“ Texte und Fotos zur aktuellen Lage Griechenlands. Im Zentrum der Miniaturen stehen reale Figuren, die unter dem Einfluss der allgegenwärtigen Krise rasch eine absurde Wandlung erfahren, die als Spiegelbild des für weite Bevölkerungsschichten unheilvollen Zusammenspiels von rücksichtslosen Finanzmärkten, korrupter Politik und der Verantwortungslosigkeit des Einzelnen fungiert.

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag: 140 Seiten
Verlag: Wieser Verlag
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe: ISBN: 978-3-99029-049-1

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Rezensionen

Europa blickt gespannt nach Griechenland: Die Wirtschafts- und die Finanzkrise haben das Land an den Rand des Staatsbankrotts gebracht. Der steirische Autor Günther Freitag ist ein exzellenter Griechenland–Kenner: Er verbringt seit über 30 Jahren mehrere Wochen im Jahr in Griechenland. Seit Beginn der Wirtschaftskrise schrieb Freitag Miniaturen und Charakterskizzen, die er unter dem Titel „Cafe Olympia“ zusammengefasst hat und die nun bei Wieser erschienen sind.

Günter Encic, ORF

Brendels Fantasie

Fast beneide ich diesen Höller! Ja, er ist krank, ja, er ist verrückt, aber welche Leidenschaft treibt ihn! Nur wer brennt, lebt.
Elke Heidenreich

(August 2009)

Weil er bald sterben wird, will Höller endlich seinen größten Traum verwirklichen. Also lässt er sein Leben an der Seite einer Staranwältin hinter sich, verkauft seine Fabrik und bricht in die Toskana auf. Hier soll Alfred Brendel für ihn die endgültige Interpretation von Schuberts »Wandererfantasie« spielen. Der merkwürdige Fremde, der zuweilen mit einem Handtuch um seinen schmerzenden Kopf gewickelt Gemeindesäle besichtigt, sich unter den Hinkenden und Zahnlosen im Altenheim von Castelnuovo Saaldiener aussucht und in dem Provinznest eine Konzerthalle errichten will, stößt bei den Einheimischen auf Befremden. Doch anstatt dem Tod wenigstens in Gedanken zu entkommen, begegnet Höller ihm auf Schritt und Tritt – in Form skurriler Gestalten und bizarrer Begebenheiten. Schließlich muss er erkennen – es gibt kein Entrinnen, weder vor dem Tod noch vor dem eigenen Leben …

Die meisterhafte Schilderung einer Obsession – subtil, komisch und stilistisch meisterhaft erzählt.

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag: 192 Seiten
Verlag: Edition Elke Heidenreich
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe: ISBN: 978-3-570-58003-5
ebook: ISBN: 978-3-641-03679-9
Bestellung: Amazon | Auch als ebook erhältlich

Rezensionen

Der ferne Klang

Würde man dieses Buch nach seinem Cover beurteilen, dann wäre man schnell fertig damit. Eine toskanische Landschaft, durch den orange-transparenten Schutzumschlag in ein verschwommenes Abendlicht getaucht, dazu die verschnörkelte Schrift für den Autornamen – schlimmer kann es nur noch im Arztroman- oder im Horrorgenre zugehen. Doch dieser zum Auftakt der neuen „Edition Elke Heidenreich“ bei C. Bertelsmann erschienene Roman des 1952 geborenen Österreichers Günther Freitag ist kein eindeutiger Fall. Erzählt wird die sehr düstere Geschichte einer ideé fixe im Angesicht des nahen Todes: Der reiche deutsche Fabrikant Höller ist an einem Hirntumor erkrankt und weiß, dass seine Tage gezählt sind. Als Abschluss seines Lebens will sich Höller, dessen Leben bis dato der Herstellung von Autoteilen gewidmet war, einen Traum erfüllen und die ideale Interpretation von Schuberts „Wandererfantasie“ erleben. Niemand Geringerer als Alfred Brendel soll dafür gewonnen werden, ein exklusives Konzert im toskanischen Örtchen Castelnuovo zu geben, das der besessene Höller als den perfekten, im Grunde einzig möglichen Ort dafür ausgemacht hat. Durch den Verkauf seiner Fabrik mit unbegrenzten Mitteln ausgestattet, will Höller vor Ort den Aufbau einer geeigneten Konzerthalle in die Wege leiten. Während seine Krankheit fortschreitet und das Projekt zunehmend wahnhafte Züge annimmt (so hat etwa Brendel selbst sich bislang zu dem Plan gar nicht geäußert), wird Höller in undurchsichtige lokale Geschäfte hineingezogen, bei denen die Einheimischen seine verständliche Ungeduld schamlos ausnutzen und dem Fremden zugleich mit wachsendem Misstrauen begegnen. Das elegische Todesbuch entfaltet in einer einfachen, ungekünstelten Sprache doch einen starken Sog, der die Vereinsamung und den Realitätsverlust des Sterbenden nachvollziehbar macht. Nebenfiguren setzt Freitag nicht nach Maßgabe des erzählerischen Realismus, sondern wie wiederkehrende musikalische Motive ein. Deutliche Anklänge an Thomas Manns „Tod in Venedig“, an Thomas Bernhard und Gert Jonke oder auch an Walter Kappachers „Fliegenpalast“ machen das Buch nicht epigonal. Es ist eher eine Variation über ein Thema: die Unmöglichkeit eines restlos gelingenden Lebens, die vergebliche Suche nach Vollkommenheit, für die die Chimäre der idealen Interpretation steht. (Günther Freitag: „Brendels Fantasie“. Roman. Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München 2009. 190 S., geb., 18,95 [Euro].) rik

Bienenkrieg

Über das Buch:

Das Leben des Musikkritikers Haim gerät aus den Fugen, als er einen Gehörsturz erleidet. Die Welt versinkt im Bienensurren, das seinen Kopf erfüllt. Er musss seinen Alltag neu gestalten, auch deshalb, weil er, der Querulant und Querdenker, wegen seines Handicaps aus der Kulturredaktion in den Lokalteil der Zeitung abgeschoben werden soll. Um dem zu entkommen, nimmt Haim eine Stelle als „Gesellschaftsdame“ zweier verbitterter Schwestern an. Mit ihnen taucht er in eine absurde Welt aus Lebenslügen und enttäuschten Hoffnungen ein.

Aus dem Buch:

Als Haim schweigt und aus Verlegenheit damit beginnt, an seinem Hörgerät zu hantieren, grinst der Hutfabrikant und meint, dieser Morgen sei ein glücklicher für Haim, denn er trete seinen Dienst als Gesellschaftsdame an und könne dazu noch sein löchriges Allgemeinwissen erweitern. Das, wofür die meisten Menschen Geld ausgeben und Volksbildungskurse besuchen müssten, werde ihm während seiner Arbeitszeit auf dem Silbertablett serviert. Dann befiehlt er dem Schäfer, ein paar Meter entfernt zu sitzen, je weniger Mitwisser er in dieser speziellen Angelegenheit habe, desto sicherer sei das Unternehmen. Haim werde ja nicht die Hand beißen, die ihn füttere, aber bei einem Hund wisse man niemals wirklich, woran man sei. Immer wieder höre man von Fällen, in denen ein Tier von einem Augenblick zum nächsten seine Dressur vergesse und zum schärfsten Feind seines Herrn werde. In dieser Hinsicht sehe er keinen Unterschied zwischen der Haustierhaltung und der Weltpolitik, womit er nun endlich in Südamerika angekommen sei.

Gebundene Ausgabe: 250 Seiten
Wieser Verlag (10. September 2008)
ISBN-10: 3851297970
ISBN-13: 978-3851297973
Größe: 19,6 x 12,2 x 2,6 cm
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Rezensionen

Günther Freitag: „Bienenkrieg“.

Ein seltsames Buch über einen jungen Mann, der zwei zerstrittene, alte Schwestern unterhalten muss. Höchst vergnüglich.

Elke Heidenreich im Format

Piazza. Trieste

(2005)

Angesiedelt in Triest, einem traditionellen Schnittpunkt europäischer Kulturen, erzählt Piazza. Trieste von den aussichtslosen Versuchen Reinhard Kordas, sich der übermächtigen Mutter zu entziehen. Diese stürzen ihn jedoch nur tiefer in die Abhängigkeit und finden ihr sprachliches Finale in einem Brief an die Mutter. Der Historiker Korda erlebt Geschichte, Kunst und Politik aus mehreren Jahrhunderten durch den Kontakt zu mitunter irreal anmutenden Figuren, die von einer Karikatur Maria Theresias über Erzherzog Maximilian bis Umberto Saba und Claudio Magris reichen.

Gebundene Ausgabe: 295 Seiten
Verlag: Wieser (5. Oktober 2006)
ISBN-10: 3851296044
ISBN-13: 978-3851296044
Größe: 19,2 x 12,6 x 2,8 cm

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Rezensionen

Die Gespenster auf der Piazza Trieste

Triest ist eine Stadt in unserer Nachbarschaft, die alle zu kennen glauben, die aber kaum einer als das kennt, was sie auch ist: als ein Treffpunkt von Gespenstern. Das sieht auch der aus Vorarlberg stammende und in Leoben lebende Schriftsteller Günther Freitag: In seinem Roman „Piazza Trieste“ (erschienen im Wieser Verlag) erzählt er von den aberwitzigen Versuchen des Historikers Reinhard Korda, in der Wissenschaft Fuß zu fassen und sich seiner übermächtigen Mutter zu entziehen. Dabei erscheinen Korda die diversen, regelmäßig in Triest auftretenden Gespenster Maria Theresia, der unglückselige, als Kurzzeitkaiser in Mexiko zu Tode gekommene Erzherzog Maximilian, der Dichter Umberto Saba und, kurioserweise, weil noch überaus lebend, der Schriftsteller und Historiker Claudio Magris.

Die Mosaike von Ravenna

(2005)

Die Mosaike von Ravenna versammelt Essays, in deren Zentrum das Lesen und das Reisen stehen und die Erfahrungen, die sich nach ihnen einstellen. Texte, die sich mit Literatur, Film, Fotografie und Politik auseinandersetzen, deren Bewegung immer wieder an den Ausgangspunkt ihrer Reise zurückführt: in die Texte. Zum eigenen Schreiben wie zu dem europäischer Autoren. So rekurrieren die Essays unter anderem auf die Werke Andrea De Carlos, Antonio Tabucchis, Daniele Del Giudices, Stefano Bennis, Roberto Bazlens, Wolfgang Bauers und Ismail Kadares. Bodo Kirchhoff, Renato P. Arlati und den Fotoarbeiten Manfred Paukers sind eigene Essays gewidmet.
Die Suche nach dem langsamen Blick wird der Schnelllebigkeit und den Momentaufnahmen entgegengesetzt: Nur in seinen Brüchen kann der Text existieren. Das Land vom Meer aus gesehen. Es sei ein gutes Verfahren, sich den Dingen zu nähern und dabei ständig zu messen, wie weit man von ihnen entfernt sei.

Broschiert: 168 Seiten
Verlag: Kitab; Auflage: 1 (1. Januar 2005)
ISBN-10: 3902005327
ISBN-13: 978-3902005328
Größe: 20,4 x 13 x 1,6 cm

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Rezensionen

Günther Freitag, der sich vergangenes Jahr nach ängerer literarischer Abwesenheit mit dem Roman „Flusswiner“ zurückgemeldet hat, legt nun einen Band mit Essays aus den letzten 20 Jahren vor. Die meisten von ihnen sind zuvor in anderen Publikationen, in den „manuskripten“ vor allem, aber auch in der Anthologie „Film ab“ der edition kürbis erschienen. Ganz neu ist nur der Text „Onkel Jožas Motorrad“. Aus der Sammlung gelungener Texte ragt „Kafka im Lunapark. Cavazzoni-Variationen“ heraus. Ausgehend von Ermanno Cavazzonis „vite brevi di idioti“ („Kurze Lebensläufe der Idioten“, Wagenbach 1994). Hier ist ein längeres Textbeispiel notwendig, denn die Gedankengirlanden, welche Freitag durch die Kopfräume des Lesers spannt, sind, was sie sind und es ist unmöglich, in einer Umund Beschreibung ihre Qualität auch nur annähernd zu benennen: „Ein Malermeister trank Mitte Februar eine Büchse Lackverdünner und starb einen Tag später im Krankenhaus. Er hatte sich eingebildet, dass seine Frau, während er anderswo Wohnungen anstrich, zu Hause regelmäßig andere Männer empfing. Nachdem er Mitte März einen Liter Motoröl getrunken hatte, starb ein Mechanikermeister im Krankenhaus. Er hatte sich eingeredet, dass es seine Frau, während er Autos reparierte, in seiner Wohnung mit einem Malermeister trieb. Er wusste nicht, dass der Malermeister schon im Februar eine Büchse Lackverdünner getrunken hatte und im selben Krankenhaus gestorben war.
Ein Apotheker starb Mitte April in einem Krankenhaus, nachdem er einige Packungen eines starken Herzmedikaments und ein Röhrchen Schlaftabletten geschluckt hatte. Er glaubte, seine Frau unterhalte Beziehungen zu einem Malermeister und zum Besitzer einer Autowerkstatt, die sich abwechselnd mit ihr durch sein Ehebett wälzten, während er in der Apotheke stand und seine Kunden bediente …“

Der Band „Die Mosaike von Ravenna“ versammelt 11 geistreiche und gleichzeitig unterhaltsame Texte des 1952 geborenen, in Leoben lebenden Autors.

Bücherschau 03/2005, Mike Markart

Flusswinter

(2004)

Seit der großen Veränderung ist auch die Landschaft eine andere geworden. Hat ihr Gesicht gewechselt. Wie ein Schauspieler. Der Landstrich am Fluss, früher die fruchtbare Au und geschützt, entvölkert sich von Woche zu Woche mehr. Ohne Aufsehen verschwinden Menschen. Bleiben untergetaucht ohne Nachricht für die Zurückgebliebenen. Und schüren die Vermutungen. Die sich im dichten Nebel verlaufen. Gerüchte, halblaut ausgesprochen an Wirtshaustischen. Tonlos beinahe und hinter vorgehaltener Hand. Nebelsätze. Gegen die Angt. Dann sprechen die Menschen von anderen Dingen und trinken ein paar Gläser von dem sauren Wein, der auf den Hügeln wächst … Die Große Veränderung hat das Land am Fluss in die Diktatur gestürzt und mit dem Denken auch die Sprache der Menschen verzerrt. Bespitzelung und Denunziation bestimmen ihr Leben, vor allem aber die Angst, schuldlos zu Opfern zu werden.

Aus vier ineinander greifenden Perspektiven schreibt Günther Freitag eine Parabel der Niedertracht, in welcher die Menschen vorführen, dass sie unter dem autoritären Druck nicht zueinander finden, sondern ohne Rücksicht auf ihren Vorteil bedacht sind.

Taschenbuch: 189 Seiten
Verlag: Kitab Verlag; Auflage: 1 (April 2004)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3902005300
ISBN-13: 978-3902005304

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Günther Freitag, der sich vergangenes Jahr nach ängerer literarischer Abwesenheit mit dem Roman „Flusswiner“ zurückgemeldet hat, legt nun einen Band mit Essays aus den letzten 20 Jahren vor. Die meisten von ihnen sind zuvor in anderen Publikationen, in den „manuskripten“ vor allem, aber auch in der Anthologie „Film ab“ der edition kürbis erschienen. Ganz neu ist nur der Text „Onkel Jožas Motorrad“. Aus der Sammlung gelungener Texte ragt „Kafka im Lunapark. Cavazzoni-Variationen“ heraus. Ausgehend von Ermanno Cavazzonis „vite brevi di idioti“ („Kurze Lebensläufe der Idioten“, Wagenbach 1994). Hier ist ein längeres Textbeispiel notwendig, denn die Gedankengirlanden, welche Freitag durch die Kopfräume des Lesers spannt, sind, was sie sind und es ist unmöglich, in einer Umund Beschreibung ihre Qualität auch nur annähernd zu benennen: „Ein Malermeister trank Mitte Februar eine Büchse Lackverdünner und starb einen Tag später im Krankenhaus. Er hatte sich eingebildet, dass seine Frau, während er anderswo Wohnungen anstrich, zu Hause regelmäßig andere Männer empfing. Nachdem er Mitte März einen Liter Motoröl getrunken hatte, starb ein Mechanikermeister im Krankenhaus. Er hatte sich eingeredet, dass es seine Frau, während er Autos reparierte, in seiner Wohnung mit einem Malermeister trieb. Er wusste nicht, dass der Malermeister schon im Februar eine Büchse Lackverdünner getrunken hatte und im selben Krankenhaus gestorben war.
Ein Apotheker starb Mitte April in einem Krankenhaus, nachdem er einige Packungen eines starken Herzmedikaments und ein Röhrchen Schlaftabletten geschluckt hatte. Er glaubte, seine Frau unterhalte Beziehungen zu einem Malermeister und zum Besitzer einer Autowerkstatt, die sich abwechselnd mit ihr durch sein Ehebett wälzten, während er in der Apotheke stand und seine Kunden bediente …“

Der Band „Die Mosaike von Ravenna“ versammelt 11 geistreiche und gleichzeitig unterhaltsame Texte des 1952 geborenen, in Leoben lebenden Autors.

Bücherschau 03/2005, Mike Markart

Lügenfeuer

(1994)

„Bei der Vorstellung, ein Bekannter könnte ihn mit dem weißen Pudel der Hofrätin sehen, beschleunigte Robert seine Schritte. Der Pudel, erfreut über das erhöhte Tempo, hopst ein paar Zwischenschritte. Wie ein betrunkener Walzertänzer.“
Robert hätte Erzbischof werden sollen, hat es aber nur zum Betreuer des topmodisch coiffierten Pudels der Hofrätin gebracht. Ganz offensichtlich ist er ein Versager. Bösartig, grotesk und unterhaltsam ist dieser Blick auf die österreichische Mentalität.

Taschenbuch: 152 Seiten
Verlag: Droschl, M (1994)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3854203861
ISBN-13: 978-3854203865

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Rezensionen

Kabale und Ohrengulasch, überall wird gesungen und musiziert, ein wahrer Operettenstadl. Robert taumelt durch ein Ensemble skurriler Figuren, die in ihrer verkommenen, altmodischen Bürgerlichkeit an die Bunuel Filme der frühen siebziger Jahre erinnert. Ein witziger, unterhaltsamer Text.
Rupert Ascher im STANDARD

Abland

(1991)

Georg Landauer ist Student der Musi und der Volkskunde. Alles in seinem Leben ist zum Stillstand gekommen: seine Arbeiten über „Krüppelfingerlings“ Kinderszenen und über Totengebräuche unter besonderer Berücksichtigung der Totenverstümmelungen ruhen, seine Kontakte zur Außenwelt sind reduziert auf Gespräche mit der Zimmerwirtin und Phantasien über seine attraktive Nachbarin. Über allem stehen bedrohlich VATERMUTTER, die sein Leben und seine Studienerfolge überwachen. Ein Landaufenthalt in Gai soll die letzte Rettung dieses bedrohliche eingeengten Lebens werden …

In drei Teilen entwickelt Günther Freitag sein burleskes Bild eines progressiven Wirklichkeitsverlusts: das Studierzimmer – die österreichischen Berge – die Großstadt. Kunst und Alltag, Anspruch und Realität, sind selten so bizarr aufeinandergeprallt, tragikomisch, lächerlich und auch beängstigend, wie in diesem Roman. Mit trockenem Witz, parodistischer Bravour und geschmacklosen Wahrheiten geht wieder einmal das kulturelle Abendland in Österreich unter.

Taschenbuch: 155 Seitens
Verlag: Droschl, M (1991)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3854202091
ISBN-13: 978-3854202097

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Rezensionen

Über Günther Freitags Roman „Abland“:

Die Suche nach dem fehlenden Rhythmus, ohne den jeder Schritt zur kräfteraubenden Anstrengung wird, bestimmt das Leben des Studenten Georg Landauer. Wie sein Gehen ist ihm auch das Schreiben zur Qual geworden. Seine Arbeiten aus der Musikwissenschaft und der Volkskunde sind ins Stocken geraten. In seinem Studentenzimmer von der Außenwelt isoliert, die Silberfische im Waschbecken als einzige Gesprächspartner, schwankend zwischen humoriger Klarsicht und schierer Verzweiflung, überläßt sich Landauer immer häufiger einer Phantasiewelt, welche die dumpf-gewalttätige, Anpassung, Ordnung und meßbaren Erfolg fordernde Gesellschaft in skurrilen Episoden nachäfft oder sich aus pubertären Wunschträumen nährt, die – spielerisch-selbstironisch verfeinert – sexuelle Erfüllung und Siege über die ihm vorgesetzten Autoritäten ausmalen. Über all der Tristesse banaler Alltäglichkeit und unerfüllter Begierden steht mildernd die Macht der Musik.

Satz für ein Klangauge

Der Ich-Erzähler, ein alternder Klavierlehrer, lebt in einer abbruchreifen Villa, die er als Privatkonservatorium zur Ausbildung von Pianisten führt. zunehmend gerät er in Isolation, an den Rand des Wahnsinns und verbarrikadiert sich gegen seine Umwelt. Er führt imaginäre Gespräche mit nicht vorhandenen Schülern, unterhält eine umfangreiche Korrespondenz mit dem Verwalter eines Musikinstrumentendepots und kämpft mit verbissenem Trotz gegen den Beschluss der Behörde, sein desolates haus abbrechen zu lassen. Als sein Widerstand nichts fruchtet, kommt er den Bestrebungen zuvor, indem er das Gebäude selbst in Brand steckt.

Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
ISBN-10: 370460061X
ISBN-13: 978-3704600615

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Rezensionen

Lorenz Böhlau in Günther Freitags erstem Roman „Satz für ein Klangauge“ ist ein Kopfmensch, er schafft sich seine Welt, seine Wirklichkeit aus sich selbst, aus seinen eigenen Ideen, Assoziationen und Zitaten. Aber sein Kpf ist kein literarischer, sondern ein musikalischer Kopf. Günther Freitags Wirklichkeitsbegriff liegt in den Zwischenräumen der Wahrheit, ist einmal gesagt worden; er liegt -noch genauer betrachtet- in den Zwischenräumen der Möglichkeiten. Es entsteht eine ungemein hohe Sprachmusikalität, es entsteht die absolut mathematische Genauigkeit, es entsteht diese eigentümliche und für die Prosa Freitags so charakteristische musikalische, rhythmische und klare Sprache.
Heinz Hartwig ORF

Geträumte Tage

„Das gehörte für Karner zum Schlimmsten: im Lesesaal der Universitätsbibliothek zu sitzen und zu erkennen, wie die mit Büchern vollgestopften Regale sich die Wände hoch bis zur Glasskuppel türmten.“ Wie im Traum registriert Karner den Verlust jener Bindungen, für die er gelebt zu haben glaubt: die Frau, seine Studien, die Menschen im Café, die sich längst in die Verweigerung geflüchtet haben. Was bleibt, ist die Hoffnung, aus seiner Gebrochenheit in die Absicht zurückzufinden… Günther Freitag erzählt und erfindet, die Geschichte sperrt sich und wird gebrochen: Geträumte Tage, die Platz lassen, neue Zugänge schaffen, aufmerksam machen. Es ist etwas anzufangen mit der Wirklichkeit in den Zwischenräumen der Wahrheit.“

Bläschke Verlag

Kopfmusik

„Das Unwirkliche schreibend klären“, so betitelt Lucas Cejpek in der Grazer Neuen Zeit seine Besprechung der Prosatexte Günther Freitags. Das Unwirkliche ist in ihnen das Alltägliche, das nur eine unfassbare Realität hervorzubringen vermag. Das Scheitern des Menschen an selbstgewählten Aufgaben -dargestellt in einer musikalisch strukturierten Sprache- erscheint als Gerücht., so ungeheuerlich, dass man doch wieder daran glauben muss. Oder, wie Manfred Mixner sagte, sollte man bei der Lektüre vor lauter Aufmerksamkeit und Genauigkeit dahin kommen, dass man nicht mehr die Wirklichkeit versteht, sondern als Zeitgenosse von den Dingen verstanden wird.“

Bläschke Verlag

Rezensionen

Dem Debütanten Günther Freitag lohnt sich zuzuhören: seinem reinen, musikalischen Ton, seinen Stilisierungen im Konjunktiv, seinem Humor.
Hans Haider in Die Presse